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Gimmlitztal-Mörder muss hinter Gitter

Er sonne sich in der medialen Aufmerksamkeit, sagte die Richterin. Detlev G. muss wegen Mordes achteinhalb Jahre hinter Gitter.
Er sonne sich in der medialen Aufmerksamkeit, sagte die Richterin. Detlev G. muss wegen Mordes achteinhalb Jahre hinter Gitter. FOTO: dpa
Dresden. Bis zuletzt war unklar, ob Detlev G. einen Geschäftsmann aus Hannover ermordet hatte. Daran, dass der LKA-Beamte den Toten zerstückelt hat, bestand aber nie ein Zweifel. Nun hat das Gericht entschieden: Es war Mord. Daniel Schauff

Gelassen betritt Detlev G. am Mittwochvormittag den Verhandlungssaal im Landgericht Dresden. Die Reporter, die auf ihn warten, kennt er. Er genießt die Aufmerksamkeit, die ihm seit Monaten zuteil wird. Er sonne sich in der medialen Präsenz, sagt die Vorsitzende Richterin, die Detlev G. wenige Minuten später des Mordes für schuldig erklären wird. Und ihn zu acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilen wird.

Schon die Staatsanwaltschaft hatte keine - wie bei Mord üblich - lebenslange Haftstrafe gefordert, sondern zehneinhalb Jahre für eine angemessene Zeit hinter Gittern gehalten. Detlev G.'s Opfer, ein 59-jähriger Geschäftsmann aus Hannover, wollte getötet werden. Allein das reiche für eine mildere Strafe. Bis zuletzt aber war offen, ob sich das Opfer nicht selbst umgebracht hatte. Das zumindest war Detlev G.'s letzte Version der Tat vor Gericht. Zugegeben hatte der LKA-Beamte allerdings, dass er die Leiche des 59-jährigen Wojciech S. zerstückelt und vergraben hatte. Ein Video, das zunächst vom Angeklagten gelöscht worden war, dann aber durch die Ermittler wieder hergestellt wurde, zeigte in widerwärtigen Bildern, wie sich der einstige Polizist an der Leiche seines Opfers zu schaffen gemacht hat. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit waren die wiederhergestellten Bilder im Gerichtssaal gezeigt worden. Detlev G. war während der Vorführung im Gerichtssaal zusammengebrochen, wollte sich unter dem Tisch verstecken, berichtet die Richterin. Reine Scharade sei das gewesen, sagt sie.

Als die Vorsitzende den Inhalt des Videos in ihrer Urteilsbegründung detailliert beschreibt, wirkt es wie die Nacherzählung eines brutalen Horrorfilms. Auch der sexuelle Hintergrund, so die Richterin, sei nicht zu übersehen gewesen. Laut ihren Beschreibungen hatte sich Detlev G. ganze 16 Minuten lang mit dem Geschlechtsteil seines Opfers beschäftigt. Ohne Frage sei Detlev G. nicht nur des Mordes schuldig, sondern auch der Störung der Totenruhe. Zwar wollte das Opfer "geschlachtet" werden, wollte also in seiner Ruhe nach dem Tod gestört werden. Aber der Allgemeinheit könne man eine derartige Tat nicht antun, so die Vorsitzende. Eine Leiche derart zu malträtieren, gehöre sich nicht und verletze das allgemeine Pietätsempfinden. Insofern sei bei aller Einvernehmlichkeit zwischen Täter und Opfer die Totenruhe dennoch gestört worden, der Tatbestand also erfüllt.

Detlev G. und sein Opfer hatten sich kurz vor der Tat in einem Kannibalenforum im Internet kennengelernt. Schon zuvor hatte G. immer wieder Kontakt zu anderen Männern aufgenommen mit dem Ziel, ein Schlachtopfer zu finden. Protokolle von Unterhaltungen mit potenziellen Opfern belegen das. Es sei Detlef G.'s ernsthafte Absicht gewesen, einen Gleichgesinnten zu finden, der sich von ihm nicht nur töten, sondern auch essen lassen würde, so das Gericht. Erst die Absichten von Wojciech S. seien wirklich ernsthaft gewesen, sodass man sich beim ersten Treffen offenbar bereits einig über den Tathergang war.

Im Keller einer von Detlef G. und seinem Ehemann betriebenen Pension in Gimmlitztal im Osterzgebirge hatte der suspendierte LKA-Beamte einen Folterkeller für homosexuelle Sado-Maso-Spiele eingerichtet. Dort sollte der 59-Jährige zunächst durch Erhängen getötet werden. Ermittler aber fanden deutliche Anzeichen für einen Kehlschnitt beim Opfer. Im Video, das Detlev G. selbst von der Tat gemacht hat, sind nur Ausschnitte der Tat zu sehen. Es bleibt unklar, ob Detlev G. das Messer zückte, um Wojciech S. nach der Strangulation endgültig zu töten oder ob der Schnitt erst entstand, als G. die Leiche zerstückelte.

Dass das mitgeschnittene Video genau die Sequenzen nicht enthält, die Detlev G. eindeutig zum Mörder machen, hält das Gericht für ein sicheres Indiz dafür, dass der Täter den Mord an seinem Opfer verschleiern wollte. Nach seiner Festnahme allerdings hatte G. gesagt, Wojciech S. die Kehle durchgeschnitten zu haben. Später sagte er, das Opfer habe sich selbst in die Schlinge fallen lassen.

Die Vorsitzende Richterin verglich die widersprüchlichen Einlassungen des Angeklagten mit denen des Costa-Concordia-Kapitäns, der das sinkende Schiff nur deshalb verlassen haben wollte, weil er von der Schwerkraft ins Rettungsboot gezogen worden sei. "Irgendwann", so die Richterin, "ist es besser, nichts mehr zu sagen."

In mehr als zwei Stunden begründete die Richterin das Urteil detailliert und nutzte die Gelegenheit, sich bei dem Anwalt des Angeklagten bitter zu beschweren. Ihr hatten Anwalt und Angeklagter vorgeworfen, das Verfahren als Blaupause des Kannibalenprozesses gegen Armin Meiwes aus Rotenburg anzusehen und den Prozess beschleunigen zu wollen. Das wies das Gericht entschieden von sich. Man habe gründlich gearbeitet und erkannt, dass der Kannibalen-Prozess von Rotenburg und der Fall Detlev G. grundverschieden seien.

Einer der Unterschiede ist, dass Detlev G. nicht mit Gewissheit nachgewiesen werden konnte, dass er Teile seines Opfers gegessen hat. Zwar habe er den Wunsch in den Internetforen immer wieder geäußert, hätte einen anderen jungen Mann einst lebendig eingeölt, gewürzt und in Alufolie eingepackt, darüber hinaus bestehe aber nur die Vermutung, dass Detlev G. auch einen Teil von Wojciech S. leblosem Körper gegessen hat. Ermittler fanden die Körperteile des Opfers, einzig das Geschlechtsteil des Mannes fehlt.