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Generationswechsel bei sächsischen Winzern

Jungwinzer Matthias Schuh schneidet am Meißner Klausenberg die Reben zurecht.
Jungwinzer Matthias Schuh schneidet am Meißner Klausenberg die Reben zurecht. FOTO: dpa
Sörnewitz/Meißen. Im sächsischen Weinbau soll ein Generationswechsel frischen Wind bringen. Jungwinzer Matthias Schuh ist Vorreiter – er wird demnächst wichtige Entscheidungen im Familienbetrieb treffen. Lars Müller

Mit kritischem Blick schwenkt Matthias Schuh das zu einem Viertel mit Schieler gefüllte Weißweinglas im Hof des Familienweinguts Walter Schuh in Sörnewitz bei Meißen. Er hält es in die Frühlingssonne, riecht die Aromen und nimmt einen Probeschluck. Anfängliche Skepsis im Gesicht des 26-jährigen Winzers und Weinbautechnikers weicht Erleichterung.

Der 2013er-Jahrgang des lachsfarbenen, frischen Weins - einer klassischen sächsischen Spezialität - sei gelungen, könne in die Flaschen und nach der gesetzlichen Weinprüfung endlich auch in den Ausschank, sagt er. Schuh, 2012 zum besten Jungwinzer Europas beim internationalen Wettbewerb der Weinbauschulen gekürt, übernimmt ab April die Verantwortung für den Familienbetrieb - gemeinsam mit seiner Schwester Katharina.

Geprägt von internationalen Einflüssen seien die Nachwuchswinzer experimentierfreudiger und weltoffener, erklärt Enrico Friedland, der ehrenamtliche Geschäftsführer des Weinbauverbandes Sachsen. Frischer Wind könne dem Sachsenwein nur gut tun und zu mehr Bekanntheit verhelfen. Der Generationswechsel in der Region beginne gerade. Die Sommelière und Restaurantfachfrau Katharina Schuh wird sich um den Verkauf der Weine und die Veranstaltungen kümmern.

Als Winzer ist Matthias Schuh für die Rebflächen, die Arbeit im Keller und das Marketing zuständig. "Respekt habe ich schon vor der Herausforderung", räumt er ein. Es gelte schließlich, die Tradition und die Aufbauleistung seiner Eltern zu bewahren und zugleich den 24 Jahre alten Familienbetrieb in die Zukunft zu führen. Die komplette Umstellung auf biologischen Anbau hat er sich vorgenommen. Ein Jahrzehnt werde das schon dauern, sagt er. Auf sein Betreiben hin ist bereits die Rotwein-Sorte Regent seit 2011 bio-zertifiziert. Während seiner Lehre in Franken und bei Jobs in Neuseeland und in Bordeaux hat Matthias Schuh den biologischen Anbau kennen und schätzen gelernt.

Naturnahes Wirtschaften sei für ihn eine "Herzensangelegenheit", sagt er. "Ich möchte unseren Weinen künftig mehr meine Handschrift verleihen." Rund 50 000 Flaschen produziert der Familienbetrieb mit knapp fünf Hektar Rebfläche in Durchschnittsjahren. Die Schuhs kaufen dafür auch bei sächsischen Vertragswinzern weitere Trauben zu. In jedem Fall will der Jungwinzer auf die alte Belegschaft setzen. "Sie ist Garant für die stabile Basis unseres Weinguts." Später möchte Matthias Schuh aber auch gezielt Nachwuchs ausbilden. "Irgendwann wird schließlich auch unser langjähriger Winzermeister in den Ruhestand gehen", sagt er.

Seniorchef Walter Schuh schaut dem Treiben des Nachwuchses gelassen zu. "Beide Kinder machen einen guten Job", erklärt er. Er könne beruhigt in die zweite Reihe treten. "Ich bin ja nicht weg, werde aber auch nicht mehr in die Betriebsabläufe hineinreden", hat sich der 58-Jährige vorgenommen. "Ich hebe höchstens einmal den Zeigefinger und gebe Hinweise."

Der Generationswechsel soll 2015 abgeschlossen sein. "Für mich ist das eine Flucht nach hinten, für die Kinder eine nach vorn", erklärt Schuh senior mit Blick auf seinen Ruhestand. In den kommenden Monaten hätten die Geschwister genügend Zeit, ihren Platz im Betrieb zu finden und sich die Aufgaben aufzuteilen.

Sommelier Frédéric Fourré sagt, die Jungwinzergeneration habe "ungeheuer viel neues Wissen". Fourré ist in Paris aufgewachsen, kam 1998 als Sommelier nach Dresden und arbeitet inzwischen selbst als Winzer. Matthias Schuh sei der erste Jungwinzer, der in Sachsen den Generationswechsel in einem klassischen Familienbetrieb einläute. In einer Handvoll weiterer Winzerbetriebe stehe der Nachwuchs in den Startlöchern. Grundsätzlich sei die junge Generation offener, betont Fourré. Sie sei gut ausgebildet, habe zumeist in verschiedenen Betrieben rund um die Welt gearbeitet und bringe entsprechend neue Ideen mit an die Elbe. So seien neue Verfahren im Ausbau der Weine zu erwarten, auch mit neuen Rebsorten rechnet er.

Wichtig sei aus seiner Sicht jedoch, dass die Stilistik der Weine eines Betriebs erhalten bleibe. Bisher sei der sächsische Weinbau noch von der Aufbaugeneration geprägt, die nach der Wende viele Betriebe neu gründete oder reaktivierte, sagt Friedland. Homogenität, wie in anderen Weinbaugebieten, habe deshalb in Sachsen lange Zeit gefehlt.