Die Videobilder von damals sind trübe und verwackelt. Aber die Wucht des Ereignisses fangen sie ein. Die Bilder, aufgenommen von einem Leipziger Kirchturm, zeigen den Stadtring und den Augustusplatz voll mit Menschen. Zigtausende Stecknadelköpfe, die den Mut fanden, den es braucht, um eine Diktatur ins Wanken zu bringen. Rund 70 000 waren es, die sich am 9. Oktober 1989 gegen die SED-Obrigkeit auflehnten und damit das Ende der DDR einleiteten.

Als der kurze Film durchgelaufen war, herrschte Ergriffenheit im vollen Gewandhaus. „Unfassbar, wie kraftvoll diese Demonstrationen waren“, sagte Leipzigs Oberbürgermeister.

Burkhard Jung (SPD), 61, war 1989 Lehrer in seiner Geburtsstadt Siegen in Nordrhein-Westfalen, demnach weit weg. Aber die Ereignisse in Leipzig prägten auch sein Leben. Ohne den Mut dieser Menschen stünde er heute ganz bestimmt nicht hier. Nämlich am Pult in Leipzigs berühmten Konzerthaus, mit dem Gewandhausorchester im Rücken und vielen Menschen im Publikum, die damals dabei waren.

Mit einem Festakt im Gewandhaus gedachte Leipzig gestern des Tages, der die Stadt weltweit berühmt gemacht hat als Ort der einzigen Revolution im Jahr 1989, die ohne Blutvergießen vonstatten ging.

Die Ereignisse der Wende werden in diesen Tagen an vielen Orten erzählt. In Plauen sprang der erste Funke der Rebellion über. Aber es brauchte Leipzig, um eine Massenbewegung entstehen zu lassen. Die zweitgrößte Stadt der DDR war in den 80er-Jahren ein freundliches Umfeld für Menschen, die sich nach Demokratie sehnten. Leipzig hatte eine rege Bürgerszene und zog Intellektuelle an. Die Kirchgemeinden boten Schutz und Raum, in denen Gruppen zusammenfanden, die Gesellschaft neu denken wollten. Dissidenten fanden leichter Gleichgesinnte als anderswo.

Michael Kretschmer (CDU), 44, war im Herbst 1989 Schüler in Görlitz. Aber im Hier und Jetzt könne man ganz leicht erkennen, was damals geschafft wurde: Wie viele Menschen säßen jetzt nicht hier, hätte es die Wende nicht gegeben! „Wir sind Gewinner der Deutschen Einheit“, betonte Sachsens Ministerpräsident. „Wir alle in Deutschland. Die Menschen in Ostdeutschland nochmal mehr.“ Trotz vieler Schwierigkeiten sei man weit gekommen in 30 Jahren: „Wir haben die größten Umweltsünden der DDR beseitigt“, zählte der Regierungschef auf. „Wir haben die Krankenhäuser saniert. Die Lebenserwartung ist sieben Jahre höher als 1989.“ Jedenfalls die der Frauen.

Die Debatte darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, kommt jedes Jahr im Herbst. Auch dazu machte Kretschmer im Gewandhaus einen Einwurf: „Ein Land, das seine Bürger einsperrt, ist nichts anderes als ein Unrechtsstaat.“ Seine Amtskollegen im Osten halten sich bei dieser Frage lieber zurück. Zuletzt sorgte Bodo Ramelow (Linke) für Stirnrunzeln mit der Aussage, die DDR sei „kein Rechtsstaat“ gewesen – aber Unrechtsstaat wolle er nicht sagen.

Kretschmer lag gestern mehr an der Deutung der Zeit nach 1989. Mit der Nachwendezeit hadern viele Ostdeutsche bis heute, was sich in aktuellen Debatten über die Treuhand niederschlägt. Man hätte einiges anders machen können, sagte der Ministerpräsident „Ich fände es gut, hätte man in den 90er-Jahren eine gemeinsame Verfassung erarbeitet.“ Stattdessen ist die DDR der Verfassung der Bundesrepublik beigetreten, was viele Ostdeutsche als Erniedrigung empfinden.

Frank-Walter Steinmeier, 63, war im Herbst 1989 in den letzten Zügen seiner Doktorarbeit, die er in einer Dachkammer in Gießen schrieb. Er habe „den Mut der Leute hier bewundert“, sagte der Bundespräsident im Gewandhaus. „Ihre Geschichten haben deutsche Demokratiegeschichte geschrieben.“

Steinmeier forderte einen „neuen Solidarpakt der Wertschätzung“, der die Menschen in Ost und West, in Stadt und Land wieder vereinen soll. Bürger erster oder zweiter Klasse, von denen immer wieder die Rede sei, „gibt es in unserem Land nicht“.

Für Freya Klier, 69, war der Herbst 1989 die prägende Zeit in ihrem Leben. Die Regisseurin war in den 80er-Jahren Teil der Friedensbewegung der DDR. Die Bürgerrechtlerin erinnerte in ihrer Rede an die Brutalität, mit der der Sicherheitsapparat gegen die Demonstranten vorging.

Gisela Kallenbach, 75, war Wasserbau-Ingenieurin in Leipzig, als die Montagsdemonstrationen begannen. „Ich konnte es nicht mehr ertragen, dass die Flüsse als Abwasserkanäle missbraucht wurden.“ Sie trat der Umweltbewegung bei, die bald zu einer Bürgerrechtsbewegung wurde. Kallenbach sieht heutige Umweltbewegungen als Fortsetzung des Geistes von damals. Sie trat beim Festakt zusammen mit jungen Leuten auf, die sich bei Fridays for Future engagieren. „Wir gehen gemeinsam weiter“, stand auf ihrem Transparent. Da ging ein Raunen durch den Saal. Die Klima-Schülerproteste im Geiste der Friedlichen Revolution zu sehen, das ging manchen Festgästen zu weit.