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| 20:00 Uhr

Wider den Flächenfraß
Der Mensch verbraucht zu viel Platz

 Häuser dicht an dicht. Die zunehmende Bodenversiegelung sorgt dafür, dass Flächen unter Beton verschwinden, die die biologische Vielfalt sichern sollten.
Häuser dicht an dicht. Die zunehmende Bodenversiegelung sorgt dafür, dass Flächen unter Beton verschwinden, die die biologische Vielfalt sichern sollten. FOTO: dpa / Oliver Berg
Cottbus. Jeden Tag landen mehrere Hektar Boden unter Beton. Doch der Kampf gegen den grassierenden Flächenfraß ist politisch heikel. Viele Kommunen in Brandenburg und Sachsen setzen auf immer neue Wohngebiete, um Bevölkerung zu halten. Von Christine Keilholz

Sachsen und Brandenburger bauen zu viele grüne Wiesen zu. Das zeigt eine Studie, die das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) am Montag veröffentlicht hat. „In strukturschwachen Städten werden Neubauten gegenüber Altbauten bevorzugt“, schreiben die Forscher aus Köln. Dabei stehen gerade in diesen Kreisen viele Wohnungen leer. Zu den Regionen mit dem höchsten Leerstand gehören Sachsen und der Osten Brandenburgs.

Gleichwohl wird in den Kreisen eifrig gebaut. In Spree-Neiße entstanden in den letzten beiden Jahren 208 Wohnungen, nur 115 werden gebraucht. Noch deutlicher ist der Überhang in Elbe-Elster, dort liegt der Bau von 208 Wohnungen mehr als das Doppelte über dem Bedarf.

Viel Leerstand, aber trotzdem viel Neubau: Eine kuriose Situation, die sich mit den Kundenwünschen erklärt. In den Worten von Michael Bentrup vom Potsdamer Ministerium für Landesplanung: „Wir haben Leerstand in einigen Städten, wo aber die Leute ein Eigenheim haben wollen.“

Einfamilienhäuser waren der größte Konfliktpunkt zwischen Land und Kommunen bei der Arbeit am neuen Landesentwicklungsplan. Das umfangreiche Werk, quasi die heilige Bibel der brandenburgischen Raumplanung für die nächsten Jahre, ist Anfang des Monats in Kraft getreten. Kein leichter Prozess, schließlich schreibt der Plan auf Jahre die Grundlinien fest, wo und wie gebaut werden soll.

Die Kommunen wollen mehr Fläche für den Siedlungsbau – das Land aber will den Verbrauch von Flächen reduzieren. Ein Dilemma für die Landesentwicklung. Bei einigen Kommunen, sagt Bentrup, ist „die Wahrnehmung da, dass die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten behindert werden.“ Namentlich dann, wenn ein Wachsen der Orte in die Breite verhindert werden soll.

Gemeinden und kleine Städte suchen im Rennen um Neubewohner ihr Heil im Häuslebau. Dahinter steckt die Idee, junge Familien würden nur kommen, wenn sie Bauplätze finden. Auch ist es einfach für die Rathäuser, Bauen auf der grünen Wiese zu ermöglichen: Ein Baugebiet ausweisen geht schneller als Grundstücke in der Ortsmitte finden. Verödende Zentren sind der Preis für diese Baupolitik.

Siedlungsfraß hinein in die Landschaften ist ein bundesweites Problem. In den letzten 60 Jahren hat sich der Raum für Häuser und Straßen mehr als verdoppelt. Geschrumpft sind dagegen Wiesen und Felder.

Die Bundesregierung will deshalb mit einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie bis 2020 den Flächenfraß deutlich senken. Pro Tag sollen nur noch 30 Hektar unter den Bagger kommen - statt aktuell 66. Brandenburg ist noch weit von diesem Ziel entfernt. Derzeit verbraucht das Land jeden Tag vier Hektar, das erfuhren die Grünen im Mai durch eine Anfrage im Landtag. Das ist das Dreifache vom Zielwert für 2020. Sachsen versiegelt 4,3 Hektar täglich, auch das ergab eine Initiative der Grünen.

So verschwinden Flächen unter Beton, die die biologische Vielfalt sichern sollten. Wo unbebaute Böden verloren gehen, weil eine Eigenheimsiedlung oder ein Gewerbegebiet entsteht, müssen Pflanzen und Tiere weichen.

Zumal eine einmal erschlossene Fläche so gut wie nie wieder an die Natur zurückfällt. Darüber klagt das Umweltbundesamt seit Langem. Eine Brache zu ertüchtigen, kostet mehr Geld und Zeit, als neue Flächen zu bebauen.

Dadurch hat sich ein Wegwerfkonsum am Grund entwickelt, der vielerorts zu besichtigen ist: In Form von Ruinen, die kaum mehr eine Nachnutzung finden.

Zersiedlung ist auch teuer. Pro Kopf steigen die Kosten für Infrastruktur, je länger Leitungen gelegt und Straßen gebaut werden. Die Alternative lautet, schrumpfende Orte von innen her zu entwickeln und von außen her zurückzubauen. So sieht es der Landesentwicklungsplan für Brandenburg vor. Auch das IW empfiehlt Kreisen mit Bevölkerungsrückgang, behutsamer neue Flächen auszuweisen und dafür zu sorgen, dass Investitionen eher in den Bestand fließen. „Es soll dort der Grundsatz Umbau statt Neubau gelten“, heißt es in der Studie.