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"Es war auch ein Hilfeschrei"

Sachsens SPD-Chef Martin Dulig sagt, dass man zwischen der AfD und deren Wählern unterscheiden müsse.
Sachsens SPD-Chef Martin Dulig sagt, dass man zwischen der AfD und deren Wählern unterscheiden müsse. FOTO: dpa
Dresden. Mit weniger als elf Prozent ging Sachsens SPD aus dieser Bundestagswahl. Jetzt steht die Partei vor einer inhaltlichen Neuorientierung. Auch im Verhältnis zu den Wählern der AfD. Christine Keilholz /

(ckz1)Auch in der SPD hat das Wahlergebnis vom Sonntag zu Ratlosigkeit geführt. Und weil er, wie er sagt, viele ratlose Mails und Anrufe von Genossen bekommen habe, sah sich Parteichef Martin Dulig am Dienstag doch genötigt, ein grundsätzliches Statement zur Bundestagswahl abzugeben. "Wir müssen jetzt den Leuten Kraft geben, die auch Fragen stellen, was passiert denn jetzt", so der 42-jährige Vorsitzende des sächsischen Landesverbands. Man müsse jetzt die Spaltung dieser Gesellschaft verhindern, dazu brauche es "auch eine neue Kultur der Auseinandersetzung".

Sachsens SPD ist bei dieser Bundestagswahl an einem neuen Tiefpunkt angelangt. Für die Partei, die in Freistaat und Bund mitregiert, waren am Sonntag nur 10,7 Prozent drin. Bei der Landtagswahl 2014 rutschte sie mit enttäuschenden zwölf Prozent sogar noch in die Regierungsbeteiligung. An die 14,6 Prozent, die sie noch bei der Bundestagswahl 2013 erreichte, kam die SPD diesmal nur in ihren Kraftzentren halbwegs heran. Die liegen in und um Leipzig und in Chemnitz, wo die SPD auch die Oberbürgermeister stellt. Selbst im Wahlkreis Görlitz, wo mit Thomas Jurk eines der bekanntesten Gesichter des Landesverbands zur Wahl stand, reichte es nur für 8,5 Prozent - von vormals 13 Prozent. In der Sächsischen Schweiz, wo die scheidende AfD-Chefin Frauke Petry das Direktmandat bekam, blieben die Sozialdemokraten sogar unter acht Prozent.

Das ist selbst für die nicht eben erfolgsverwöhnte Sachsen-SPD ein Schreck. Von einem "desaströsen Ergebnis" sprach der Landtagsabgeordnete Thomas Baum aus Bad Muskau noch am Wahlabend: "Die Menschen haben uns einfach zu wenig Vertrauen geschenkt, und damit müssen wir sehr demütig umgehen."

Für Parteichef Dulig ist das offenbar auch ein Grund, sein Angebot grundsätzlich zu überdenken. Der meint mit Blick auf das Ergebnis der AfD, die in Sachsen fast das Dreifache an Stimmen holte, man müsse zwischen der AfD und ihren Wählern unterscheiden. Es sei für viele Menschen "auch ein Hilfeschrei" gewesen, die AfD zu wählen. Man müsse sich nun "um die Menschen kümmern, die Respekt für ihre Lebensleistung einfordern", so Dulig.

Das provoziert Widerspruch in den eigenen Reihen. So meldete sich postwendend der Leipziger Ex-Pfarrer Thomas Wolff zu Wort. Es sei eben auch richtig, "dass die Menschen, die der AfD die Stimme gegeben haben, dieses im vollen Wissen um die politische Ausrichtung der AfD Sachsens getan haben". Wer das Ergebnis als Hilfeschrei deutet, "hat die Dramatik des Wahlergebnisses immer noch nicht begriffen", schreibt der prominente SPD- und Kirchenmann in seinem vielgelesenen Blog.

Welche Konsequenzen nun zu ziehen sind, wird die Partei noch eine Weile beschäftigen. Dabei war man durchaus nicht mit leeren Händen in den Wahlkampf gezogen. Die Spitzenkandidaten Daniela Kolbe und Thomas Jurk hatten ein paar Errungenschaften aus ihrer Berliner Regierungsbeteiligung im Korb, darunter das Rentenplus und den Mindestlohn. Richtig verkaufen konnten sie die indes nicht.

Auch mit dem Thema des benachteiligten Ostens konnten die Sozialdemokraten nicht punkten. Die Schwierigkeiten der Nachwendezeit mit neuer Offenheit anzusprechen, das schien in den Wochen vor der Wahl zu einem Gewinnerthema zu werden. Es habe auch viele positive Kommentare und viel Zuspruch von Bürgern dazu gegeben, betonte Kolbe am Tag nach der Wahl. Doch ausgezahlt hat sich das letztlich nicht für die SPD, sondern für die AfD.

Kolbe sagt,die Bundes-SPD müsse nun einen stärkeren Fokus auf Ostdeutschland legen. Aber: "Ich habe nicht gesagt, dass das einfach wird."