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| 03:03 Uhr

Ein Vater ohne Kind

Cottbus. Niemand kann genau benennen, wie viele Kinder in der ehemaligen DDR zwangsadoptiert wurden. Betroffene empfinden Wut und Trauer. Eine Cottbuser Schau will Opfern eine Stimme geben. Anna Ringle-Brändli

Als Andreas Laake nachts mit seiner schwangeren Ehefrau in einem Schlauchboot auf der Ostsee sitzt, glaubt er noch, dass sein Fluchtplan aus der DDR aufgeht. Der Kutter ist schon in Sichtweite, als plötzlich grelle Lichter aufleuchten. Grenzpolizei. "Ich hab' mich nur noch leer gefühlt", schildert der 53-Jährige seine Flucht aus dem Jahr 1984.

Viele Schicksale

Die Beziehung sei kurz darauf zerbrochen, seinen damals noch ungeborenen Sohn habe er 2013 erstmals gesehen - nach einem Fernsehaufruf. "Er wurde in der DDR zwangsadoptiert, als ich im Gefängnis saß", sagt Laake. Das Schicksal, das der Leipziger schildert, ist kein Einzelfall. Wie viele DDR-Bürger betroffen waren, ist unbekannt. Viele fordern eine bessere Forschung. Eine neue Dauerausstellung in Cottbus will für das Thema sensibilisieren.

Knapp 25 Jahre nach dem Mauerfall spricht die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur von einer schwierigen Faktenlage. "Die Zahl von Zwangsadoptionen in der DDR aus politischen Gründen und zum Zweck der Repression ist schwer zu benennen", sagt Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Akten und Unterlagen zu den Verfahren seien heute oft nicht mehr auffindbar. "Weitere Forschungen zu diesem wichtigen Kapitel der Geschichte des Unrechts in der DDR sind deshalb unbedingt notwendig."

Das fordert auch der Verein "Hilfe für die Opfer von DDR-Zwangsadoptionen", dessen Gründerin Katrin Behr die neue Schau initiierte. Seit Donnerstag hängen an der Auffahrt zum ehemaligen DDR-Gefängnis etwa 320 Suchanzeigen und Plakate. Gesucht werden Eltern, Geschwister, Kinder.

Die Daten hat Behr von der Internetseite des Opfervereins zusammengetragen. Über ein Formular können dort Suchanzeigen aufgegeben werden. Ob die Gesuchten noch leben, ist völlig unklar. "Wir wollen mit der Dauerausstellung zeigen, dass es sich bei Zwangsadoptionen um Schicksale handelt und nicht um irgendwelche Akteneinträge", sagt Behr. Sie schätzt, dass es bis zu 10 000 Opfer geben könnte. "Viele wissen wahrscheinlich gar nichts von ihrem Schicksal."

Vermittlungsstellen helfen

Andreas Laake befestigt am Eröffnungstag eines der Plastikschilder an einem Zaun, der zum Ex-Gefängnis führt. Dort saß er selbst nach seiner Flucht ein, wie er angibt. Mehrere Jahre sei er in verschiedenen Haftanstalten gewesen. Von der Adoption seines Sohnes habe er über einen Erzieher erfahren. Laut Bundesfamilienministerium können Zwangsadoptionen durch die DDR-Behörden oder -Gerichte nicht mehr aufgehoben werden. Mögliche Opfer sollten sich an die zuständige lokale Adoptionsvermittlungsstelle wenden, die die Suche nach den leiblichen Eltern begleiten könne. Der Ort für die neue Ausstellung ist gut gewählt. Das ehemalige DDR-Gefängnis ist heute eine Gedenkstätte des Menschenrechtszentrums Cottbus. Wenn Laake vom ersten Wiedersehen mit seinem Sohn in Leipzig berichtet, schießen ihm Tränen in die Augen. Seine Stimme stockt, er atmet tief durch. "Ich wusste auf dem Parkplatz sofort, dass er es ist, obwohl dort viele Menschen waren."