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| 02:57 Uhr

Ein Konditormeister auf den Spuren der Adorfer Trampeli-Orgeln

Adorf. Die Geschichte der Orgelbauerfamilie Trampeli aus dem vogtländischen Adorf würde vergessen in Archiven liegen – wenn nicht Konditormeister Johannes Wolff sie über Jahrzehnte zusammengetragen hätte. Katrin Mädler

Eigentlich ist er ja Konditor in Adorf. Aber wenn Johannes Wolff in seinen Keller geht, warten Geschichten auf ihn, die nichts mit Kuchenbelag oder Tortenböden zu tun haben. In umgebauten Räumen dokumentiert er dort die jahrhundertealte Orgelbautradition seiner Stadt. Die erforscht der 58-Jährige seit seinem 18. Lebensjahr und trägt aus Archiven in ganz Deutschland zusammen, was er kriegen kann. Das Wichtigste findet einen Platz an seinen Schautafeln. Details aus den Biografien der Familie Trampeli liegen in Ordnern abgeheftet in einem großen Aktenschrank.

Wie der Adorfer zu diesem Doppelleben kam, weiß er selbst nicht mehr genau: "Konditor wollte ich immer werden, selbst Orgel spielen kann ich nicht." Aber ein Emblem am Stadttor seines Heimatortes habe ihn als junger Mann gewundert. "Darin sind Orgelpfeifen zu sehen." Die Nachforschungen lösten in ihm die Leidenschaft aus, die nun schon 40 Jahre hält.

Inzwischen kennt Wolff jede Kirche, in der heute noch Trampeli-Orgeln oder Teile davon zu finden sind. "Wenn es Zeit für die Sanierung wird, schreibe ich zehn Jahre vorher die betroffene Gemeinde an, dass die sich Gedanken über die Finanzierung macht. Sonst frisst der Holzwurm die Orgeln weg", sagt er. Er steht in Kontakt mit Orgelbauern, gibt Tipps zum Originalzustand und passt auf, dass der erhalten bleibt. Das ist nicht immer leicht: "Manchmal ist nur das möglich, was das Geld hergibt."

Zu finden gibt es eine Menge - von Görlitz bis Halle, Dortmund, Nürnberg und Karlsbad. Denn das kleine Städtchen Adorf mit heute 5000 Einwohnern war früher ein Zentrum des Orgelbaus in Mitteldeutschland. Den größten Anteil daran hatten die Brüder Johann Gottlob und Christian Wilhelm Trampeli. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschufen sie über 100 solcher Kircheninstrumente. Und der Konditormeister Wolff gilt als Experte ihrer Arbeit, bei Restaurierungsarbeiten ist sein Rat immer wieder gefragt.

Der Adorfer schätzt: Rund 25 gut erhaltene Trampeli-Orgeln gibt es noch. Auf eine genaue Zahl will er sich nicht festlegen. Denn in einigen Kirchen sind nur Reste übrig geblieben. Auch Höhepunkte der Adorfer Schaffenskunst hätten die Zeit nicht überlebt, bedauert der Hobby-Forscher. Dazu gehören die Orgeln in der Nikolaikirche Leipzig von 1793 - einige Register sind noch da - und in der Dortmunder Reinoldikirche von 1805, die der Zweite Weltkrieg zerstörte.

Johannes Wolff erzählt von einer kleinen Sternstunde, als er einen Menschen wiederentdeckte - Johann Gottlob Maurer. "Er war ein wichtiger Mitarbeiter der Trampelis in gehobener Stellung. Nirgends wurde er erwähnt, war vergessen. Ich habe ihn auferstehen lassen." Auf ihn gestoßen ist er bei Nachforschungen über die 50. Orgel der Trampeli-Brüder, die in Zitzschen bei Leipzig steht.

Lob aus der Branche ist Wolff gewiss. Orgelbauer Ekkehart Groß aus Kubschütz (Landkreis Bautzen) übernahm den Auftrag zur Restaurierung der Straßberger Orgel von Trampeli und lernte Wolff so kennen. "Er hat ein unheimliches Kompaktwissen zusammengetragen, an seine Kenntnisse zu Trampeli-Orgeln kommt niemand heran", sagt er. "Er sollte das Wissen zu Papier bringen und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, sonst ist es irgendwann verloren."

Vorerst treibt den Adorfer Orgelfreund aber sein neuestes Forschungsprojekt um: In diesem Jahr will er Kirchen- und Stadtarchiv von Naumburg durcharbeiten. Denn hier liegen Akten einer Gemeinde, die zurzeit auf Spendensuche für ihre Trampeli-Orgel ist - die Gemeinde Gröst südwestlich von Leipzig.