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Ein ehemaliges Kaufhaus sorgt für Furore

Das „Tietz“ in Chemnitz ist innerhalb eines Jahres zu einer festen Größe für Bildung und Kultur geworden. Das im Oktober 2004 eröffnete Haus für Kunst, Kultur und Bildung vereint Naturkundemuseum, Stadtbibliothek, Neue Sächsische Galerie und Volkshochschule (VHS) unter einem Dach. Von Carola Benz

Als bundesweit einzigartiges Beispiel kultureller Vernetzung ins Leben gerufen, hat das Chemnitzer "Tietz" sein erstes Jahr hinter sich. In dem ehemaligen Warenhaus - 1913 von Hermann Tietz gegründet und zuletzt bis 2001 unter Kaufhof-Regie - befinden sich vier öffentliche Einrichtungen, Veranstaltungsräume, Geschäfte und ein Café unter einem Dach. Und bei rund 700 000 Besuchern in einem Jahr spricht Betriebsleiter Werner Rohr von einer Resonanz, die die Erwartungen weit übertroffen habe.
So verdoppelte sich die Nutzerzahl der Stadtbibliothek; für die Naturkunde interessierten sich allein im ersten Dreivierteljahr fast fünfmal soviele Menschen wie früher; in der Museumsnacht im Mai lag das "Tietz" bei der Besucherzahl mit weitem Abstand vor dem In dus triemuseum und den Kunstsammlungen. Bis Juni fanden etwa 1200 Veranstaltungen statt, darin eingeschlossen die VHS-Kurse ebenso wie Einführungen in den elektronischen Bibliothekskatalog oder pädagogische Angebote des Naturkundemuseums. Darüber hinaus gab es Vorträge, Lesungen und Konzerte unter anderem mit den Politikern Joschka Fischer und Oskar Lafontaine oder der Gruppe Les Tambours du Bronx. Ausstellungen zeigten die weltbesten Naturfotografien oder Karikaturen aus ganz Deutschland.
Außerdem verbesserten sich in dem von der stadteigenen Grundstücks- und Gebäudewirtschaftsgesellschaft für rund 30 Millionen Euro sanierten Haus die Bedingungen für die einzelnen Einrichtungen beträchtlich. So verweist Volkshochschuldirektorin Heike Richter-Beese auf eine Top-Ausstattung für ihre vorher zersplittert untergebrachte Bildungsstätte. Auf Räumlichkeiten wie das Gesundheitszentrum und die großzügige Lehrküche blickten ihre Kollegen aus ganz Deutschland neidisch.
Das "Tietz" ist auch Anlaufpunkt für ein breites Fachpublikum. So haben der Deutsche Bibliotheksverband, Bibliothekare aus Tschechien und der Türkei, die sächsischen VHS-Leiter und die Architekten- und die Ingenieurkammer des Freistaates die Erfahrungen der Chemnitzer bei Sanierung und Betrieb des Hauses studiert, aber auch das Goethe-Institut oder der Sächsische Lehrerverband. Laut Rohr haben mehr als 20 Städte ihr Interesse am "Tietz"-Konzept bekundet. Dennoch stehe man mit der Kooperation und Vernetzung und der überregionalen Ausstrahlung erst am Anfang.
Auch die Zahl der privat Neugierigen reißt kaum ab. Meist seien es ehemalige und ältere Chemnitzer, die das neue Innenleben des 1912/13 errichteten Warenhauses näher kennenlernen wollten, berichtet eine Gästeführerin. Fast alle seien erstaunt über die Größe und Helligkeit und das - durch drei Lichthöfe bedingte - offene Prinzip in allen Etagen. Viele kämen auch wegen des weltweit einmaligen Versteinerten Waldes von Chemnitz, der den Mittelpunkt des Hauses bildet. Als Alltagseinrichtung machten die Bürger jedoch noch zu wenig Gebrauch vom "Tietz".
Viele ärgert es allerdings, dass die oberen Etagen im "Tietz" mittwochs geschlossen sind, während draußen das Leben pulsiert. Sonntags hingegen gleicht das Stadtzentrum meist einer Schlafstadt und es zieht relativ wenig Leute ins Naturkundemuseum und die Galerie, die trotzdem geöffnet haben. Doch die Öffnungszeiten seien ein Kompromiss zwischen den Geschäftszeiten ringsum, dem Wunsch nach Öffnung des Hauses auch am Wochenende und der durch die Stadt abgesegneten Personalausstattung, begründet Rohr. Ihm wären zehn Mitarbeiter mehr recht, um einen Sieben-Tage-Betrieb zu realisieren, aber das ist wohl derzeit illusorisch.
Das Projekt im Internet:
www.dastietz.de