ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:39 Uhr

Dresdner setzen Zeichen für Versöhnung

Tausende Dresdner erinnerten gestern an die Unmenschlichkeit von NS-Zeit und Krieg. Gegen 18.10 Uhr schloss sich die Menschenkette in der sächsische Hauptstadt.
Tausende Dresdner erinnerten gestern an die Unmenschlichkeit von NS-Zeit und Krieg. Gegen 18.10 Uhr schloss sich die Menschenkette in der sächsische Hauptstadt. FOTO: dpa
Dresden. Tausende haben gestern in Dresden an die Zerstö rung ihrer Stadt im Zwei ten Weltkrieg erinnert und ein Zeichen für Hu man ität und Versöhnung gesetzt. Christine Keilholz / ckz1

An den kritischsten Tag im Jahreskalender der Stadt ging der Mann, der für die Sicherheit verantwortlich ist, recht gelassen ran. Im Vergleich zum Sonnabend, sagte Polizeipräsident Horst Kretzschmar gestern früh, sollte der eigentliche Gedenktag "deutlich unaufgeregter verlaufen". Jeder sollte "gefahrlos seiner persönlichen Art des Gedenkens nachgehen" können.

Bis zum Abend hielten sich die kritischen Momente tatsächlich in Grenzen. Zu Aufmärschen von Neonazis kam es an diesem 72. Jahrestag der Zerstörung Dresdens nicht. Zahlenmäßig starke Auftritte wie am 60. Jahrestag im Jahr 2005 bekommen die Rechten seit Jahren nicht mehr auf die Straße. Sie beschränken sich dagegen auf punktuelle Präsenz. So am Vormittag beim zentralen Gedenken auf dem Heidefriedhof, Dresdens größter Kriegsgräberstätte.

Dort fanden sich, neben Politikern wie Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU), auch Vertreter der NPD ein. Sie gingen aber, als der Rabbiner der Dresdner jüdischen Gemeinde, Alexander Nachama, das Wort ergriff. Kritisch wurde es fast gleichzeitig auf dem Neumarkt in der Innenstadt, wo Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) vor der Skulptur der drei Busse weiße Rosen niederlegte.

Die weiße Rose ist seit Jahren das Symbol des stillen Dresdner Gedenkens, die riesige Skulptur des Künstlers Manaf Halbouni sorgt seit einer Woche für Debatten in der Stadt. Seit der Einweihung am vergangenen Dienstag werden immer wieder Stimmen laut, die in dem Mahnmal für die Opfer von Aleppo eine Verherrlichung des Terrors sehen. Auch die am Freitag vor der Semperoper eröffnete Fotoausstellung "Lampedusa 361" zieht viel Unmut auf sich. So heftig war der Widerstand gegen die Busse und die Fotos ertrunkener Flüchtlinge in der Öffentlichkeit und in den sozialen Netzwerken zeitweise, dass Polizeipräsident Kretzschmar es für besser hielt, die beiden Kunstinstallationen in der Innenstadt "besonders im Blick zu haben und zu schützen". Die erprobten Kommunikationsteams der Dresdner Polizei waren dementsprechend gerade auf dem Neumarkt und dem Theaterplatz unterwegs, um wütende Aktivisten zur Raison zu bringen.

Am Nachmittag kontrollierten Beamte einen Trupp von Bannerträgern der Pegida-Abspaltergruppe "Festung Europa".

Platzverweise gingen auch an Anhänger der Spaßpartei "Die Partei". Offenbar rechte Aktivisten fuhren am Nachmittag mit einem Protestboot auf der Elbe, an dem Banner gegen den Rathauschef prangten. Schnell hängte sich ein Polizeiboot dran und eskortierte die Protestler in den Hafen. Mehr Eindruck machte der Mahngang "Täterspuren". Der alljährliche Marsch des Bündnisses "Dresden nazifrei" zog Schätzungen zufolge rund 700 Teilnehmer an - darunter viele junge Leute, Studenten und Politiker. Der Gang führt über Stationen in der Innenstadt, die symbolisch für Zerstörung des sozialen Zusammenhalts und die Gefährdung einer solidarischen Zivilgesellschaft stehen.

Die Umweltbürgermeisterin der Grünen, Eva Jähnichen, erinnerte im Urnenhain Tolkewitz an die Ermordung psychisch kranker und behinderter Menschen in der NS-Zeit. In der Pflegeanstalt auf dem Pirnaer Sonnenstein wurden zu Kriegszeiten fast 14 000 Menschen vergast.

Der Einsatz rund um den Gedenktag hält die Polizei von Sonnabend bis heute im Ausnahmezustand. Zeitweise waren zehn Hundertschaften auf der Straße, um an allen möglichen Ecken schnell zu Stelle zu sein. Allein am Sonnabend wurden die fünf sächsischen Hundertschaften von Kollegen sechs Bundesländern und von der Bundespolizei unterstützt.

Um 18.10 Uhr schloss sich die Menschenkette in der Stadt. Der 13. Februar, so hieß es im Aufruf der Stadt zu diesem zentralen Gedenken, sei eben auch Anlass, sich "mit Unmenschlichkeit und Menschlichkeit in all ihren Facetten auseinanderzusetzen".

Zum Thema:
Im Bombenhagel am 13. und 14. Februar 1945 wurde Dresden in Schutt und Asche gelegt. Britische und amerikanische Bomber verwandelten weite Teile der Stadt in ein Trümmerfeld. Auch die mittlerweile als Symbol der Versöhnung mit Spenden aus aller Welt im Jahr 2005 wiederaufgebaute Frauenkirche wurde knapp drei Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört. Wie viele Menschen in der damals 600 000 Einwohner zählenden Stadt starben, konnte nie genau ermittelt werden. Nach Erkenntnissen einer Historikerkommission kamen bis zu 25 000 Menschen ums Leben. Insgesamt achtmal wurde Dresden zwischen Oktober 1944 und April 1945 bombardiert. Die Stadt war eine Hochburg der Nazis. Auch als wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Standort von Rüstungswerken war sie für die alliierten Streitkräfte ein Ziel. Seit Jahren nutzen Rechtsextremisten den Jahrestag zu Aufmärschen. Die Trauer um die Toten dient ihnen als Vorwand, die Alliierten als Kriegsverbrecher zu geißeln. In der Nazipropaganda hieß es, 200 000 Menschen seien damals gestorben. Diese Zahl greifen heute Rechtsextreme auf, um die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg zu relativieren. Dabei gingen damals selbst die Dresdner Behörden nach Bergung der Leichen von 18 000 bis 25 000 Opfern aus.