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Doktorspiele im Museum

Christina Ludwig, Leiterin des Museums – Naturalienkabinett Waldenburg präsentiert eine geöffnete Anatomiepuppe aus Elfenbein aus dem 18. Jahrhundert – nur ein Schatz des Hauses.
Christina Ludwig, Leiterin des Museums – Naturalienkabinett Waldenburg präsentiert eine geöffnete Anatomiepuppe aus Elfenbein aus dem 18. Jahrhundert – nur ein Schatz des Hauses. FOTO: dpa
Waldenburg. Das Naturalienkabinett in Waldenburg ist weitgehend unbekannt. Geht der Plan der jungen Museumsleiterin auf, ändert sich das. Denn in der sächsischen Provinz gibt es mehr als den "Hühnermenschen von Taucha". Martin Kloth

Weiße Stoffhandschuhe, Pinzette, konzentrierter Blick: Vorsichtig nimmt Christina Ludwig Organ um Organ aus der handtellergroßen Elfenbeinfrau, bis der filigran geschnitzte Fötus an seiner Nabelschnur freiliegt. Was aussieht wie Doktorspiele an einer schwangeren Puppe hat in Wirklichkeit einen wissenschaftlichen Hintergrund: Die Leiterin des Museums Naturalienkabinett in Waldenburg will mit internationaler Hilfe das Geheimnis der Anatomie-Figur aus dem 17. Jahrhundert lüften. "Keiner weiß, dass es hier so etwas gibt. Das ist nicht erforscht", sagt die junge Wissenschaftlerin.

Waldenburg im Landkreis Zwickau hat nicht einmal 4000 Einwohner, einen Bahnhof, den kein Zug mehr anfährt - aber ein Museum mit unerforschten und zum Teil mehr als 300 Jahre alten Schätzen. Christina Ludwig wird nicht müde, die Einzigartigkeit ihres Hauses hervorzuheben. "Wir sind ein verrücktes Museum", sagt die 28-Jährige zum Beispiel. Oder: "Wir sind die umfangreichste erhaltene Wunderkammer." Oder: "Wir haben einen Weltrangbestand."

Mit dieser Wertung steht sie nicht allein. "Es ist eines der wenigen komplett erhaltenen Naturalienkabinette. Daher ist es ein Sonderfall und sehr bedeutend", sagt Joachim Breuninger, Vorstandsvorsitzender des Sächsischen Museumsbundes. Nach seiner Kenntnis sei nicht einmal das Naturalienkabinett der Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale so umfangreich. Daher sei es schon einzigartig, meint der Direktor des ungleich berühmteren Verkehrsmuseums in Dresden. "Aber es ist auch was für Spezialisten."

Und die sollen nun nach und nach aus aller Welt nach Waldenburg gelockt werden. Das Zauberwort dafür heißt Digitalisierung. 70 000 Euro Bundesförderung aus dem Programm "eHeritage" werden in die Erstellung eines Konzepts investiert, wie all die Kunstschätze von Experten untersucht, begutachtet und erforscht werden können - auch ohne in die Kleinstadt kommen zu müssen.

Museumsleiterin Ludwig will dafür nach Zürich reisen, um sich über die Möglichkeiten von 3D-Scanverfahren zu informieren. "Im Idealfall haben wir am Ende des Jahres ein dickes Konzept."

Die weibliche Anatomie-Figur ("Eine liegende Figur eines Frauenzimmers, von Helfenbein gemacht") und ihr männliches Pendant ("Eine Mannsperson von Helfenbein") ruhen in einer Holzvitrine hinter Rauchglas. Sie sind nur zwei von 600 bis 1000 Kunstobjekten, die digitalisiert werden sollen. Das Elfenbeinpaar, vermutet Christina Ludwig, stammt aus der Manufaktur des Nürnberger Elfenbeinschnitzers Stephan Zick (1639-1715). "Sie sind nicht publiziert. Wir wissen gar nicht, was wir alles haben", sagt sie.

Das stimmt nur bedingt. Sie weiß: Die um 1640 begonnenen Sammlungen der Leipziger Apotheker-Familie Linck, die Museumsgründer Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg als Grundlage der Wunderkammer ankaufte, beinhalten Raritäten. Mehrere durchgefärbte Trinkgläser von Hand des Alchimisten Johannes Kunckel (1630-1703), Teekanne und Vasen von Porzellanerfinder Johann Friedrich Böttger (1682-1719) aus der Anfangszeit seiner Experimente oder ein funktionstüchtiges Weltsystem aus der Werkstatt von Willem Janszoon Blaeu (1571-1638) von 1650.

Betritt man die Ausstellungsräume, ist ebenso viel Vorsicht geboten wie beim Zerlegen der schwangeren Elfenbeinfrau. Denn bei einem zu festen Tritt beginnen die Vitrinen und Schränke zu schwanken, weil der Dielenboden durchgetreten ist. Das aber muss ebenso bleiben wie die mitunter fehlerhaften Beschriftungen der Exponate, weil das Museum 2009 in seiner Gesamtheit zum Volldenkmal erklärt wurde.

Bekanntheit zumindest über sächsische Grenzen hinaus erlangte das Museum durch einige Mutationen wie das doppelköpfige Kalb oder den "Hühnermenschen von Taucha". Das 1735 tot geborene Kind ist eine Laune der Natur. "Das gibt es nur einmal in der Weltgeschichte", sagt die Museumsdirektorin. Doch auch, wenn es manche für ein Alien halten und es "Starchild von Waldenburg" nennen - weil es kein Kunstschatz ist, kommt es im Gegensatz zur Elfenbein-Anatomie nicht ins Digitalarchiv.