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Die kleine Welt der großen Katharina

Zerbst. Nur zwei Jahre lebte die spätere russische Zarin in Zerbst im heutigen Sachsen-Anhalt. Dennoch erhofft sich die Stadt vom Tourismus die Wiederauferstehung ihres kaputten Residenzschlosses. Dessen Erhalt erfolgt mit einfachsten Mitteln. Christine Keilholz / ckz1

Im Residenzschloss zu Zerbst kommt die Zukunft als ausgedruckte Folie. Folien mit nachempfundenen Holzverkleidungen hängen an den Salonwänden. Auch der Fußboden ist eigentlich aus Papier. Betreten ist nicht so gut, warnt Dirk Herrmann, denn sonst müssen seine Leute wieder Schuhspuren runterkratzen. Der Internet-Unternehmer Herrmann hat seine Bürotechnik genutzt für mehr Barock-Feeling in der Schlossruine. Er hat Ausstattungen aus anderen Schlössern visualisiert und passend ausgedruckt.

Falsche Öfen, Theatersessel von Ebay, kopierte Ahnenporträts. Das ist alles für die Besucher, von denen neuerdings immer mehr reinschauen. "Wenn Leute reinkommen und hier ist was zu sehen", sagt Herrmann, "dann lassen sie ihre Spende da."

Zerbst ist ein Städtchen in Sachsen-Anhalt mit kurzen Wegen und 24 000 Einwohnern. Kenner russischer Geschichte wissen, dass Zerbst im Mädchennamen der prominentesten Zarin, Katharina II., vorkommt. Sophie Friederike Auguste, Prinzessin von Anhalt-Zerbst, verbrachte hier ihre Jugendjahre, bevor sie 1744 nach Russland aufbrach, um den späteren Zaren Peter III. zu heiraten. "Wir versuchen, mit dem Alleinstellungsmerkmal Katharina die Große hier zu punkten", sagt Vereinschef Herrmann.

Dass der kaputte Kasten, der da auf der Wiese steht, mal ein Schloss war, erschließt sich nicht sofort. Schmuck ist keiner mehr dran. Reste von Putz kleben an dicken Backsteinwänden. Drumherum ist ein Bauzaun gezogen. Im April 1945, kurz vor Ende des Krieges, brannte das Schloss nach einem Bombenangriff komplett aus. Der Rest blieb einsam stehen für Jahrzehnte.

Als Herrmann und seine Mitstreiter vor 15 Jahren loslegten, standen nur Außenmauern. Die Decken waren beim Brand durchgebrochen. Inzwischen sind 1,2 Millionen Euro in den Bau geflossen. Vor allem in neue Geschossdecken aus Beton. Barock ist eben auch das gekonnte Spiel mit Illusionen. Den guten Eindruck machen hinterher Stuck und Gold und Seide und Quasten.

Sachsen-Anhalt war im Barock nicht gerade ein Hotspot europäischer Politik. Das Land bestand aus vier winzigen Fürstentümern, die eingeklemmt waren zwischen den bedeutenderen Kurfürstentümern Sachsen und Brandenburg. Wer etwas werden wollte, verdingte sich dort. So machte es auch Christian August von Anhalt-Zerbst. Als nachgeborener Sohn aus dem Fürstengeschlecht der Askanier hatte er keine Aussicht auf Erbe, er machte stattdessen Karriere im preußischen Heer. Der ruppige Soldat brachte es bis zum Gouverneur von Stettin, wo 1729 seine älteste Tochter Sophie zur Welt kam.

Erst später erbte Christian August das kleine Fürstentum Zerbst mit dem großen Schloss und 20 000 Untertanen, die zumeist Bauern waren. Außer mit Landwirtschaft gab es nicht viel zu verdienen an den Auen der Mittelelbe. Trotzdem schafften es die Fürsten, ihr Schloss zu bauen, ohne sich dabei zu verschulden, wie das genug anderen barocken Lokalfürsten passierte.

Die Leere von heute ist freilich nicht das, was Besucher sahen, die 1745 zur wohl größten Party kamen, die hier jemals stieg. Zu Ehren der Hochzeit seiner Ältesten mit dem russischen Thronfolger im fernen St. Petersburg fackelte Fürst Christian August im kleinen Zerbst ein gigantisches Feuerwerk ab.

Damals war das Gelände hochherrschaftlich bebaut mit Reithaus, Marstall und sieben Orangerien. Mit dem Barock kamen üppige Gartenanlagen und eine Kunstgewerbelandschaft, die den Hof belieferte.

Was vom Schloss in Zerbst übrig war, wurde in den 1990er-Jahren zum Spekulationsobjekt. Ein Investor kam des Weges und wollte an Ort und Stelle ein Hotel bauen. Pläne, die sich schnell zerschlugen. Danach fiel das Schloss an die Stadt und in die Obhut des Fördervereins. Die 267 Mitglieder aus vielen Ländern vereint das Interesse am Ort, am Barock oder an Schlossrekonstruktion. Das Schloss ist auch ein Entfaltungsobjekt für Restauratoren geworden. Wie für das Grüppchen Steinmetze, die es voriges Jahr auf der Wanderschaft nach Zerbst verschlug. Sie hinterließen zwei nagelneue Sandsteingeländer im Treppenhaus.

Das Gros der Arbeiten geschieht indes mit einfachsten Mitteln. Statt teurer Fenster tun es erstmal Lattenrahmen mit Plexiglasscheiben. Einst waren selbst die Privaträume vom Feinsten ausgestattet. Sophies Mutter schrieb ihre Briefe in einem mit Zedernholz verkleideten Schreibkabinett, an den Wänden hingen Silberbeschläge und teure Spiegel.

Sophie selbst lebte hier letztlich nur von 1742 bis 1744. Aber die Verbindung mit der berühmten Frau öffnet in Zerbst den Weg nach Osten. Herrmann hat bei allem, was er für Schlossbesucher plant, "die Russen im Blick". Ein bisschen Werbung braucht es dafür noch. Und noch viele Wandfolien.