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| 05:15 Uhr

Sachsen
Die Kämpferin für eine KZ-Gedenkstätte

Anna Schüller zeigt vor der mittlerweile verfallenen Kommandantenvilla des ehemaligen KZ Sachsenburg ein historisches Foto der Villa.
Anna Schüller zeigt vor der mittlerweile verfallenen Kommandantenvilla des ehemaligen KZ Sachsenburg ein historisches Foto der Villa. FOTO: Hendrik Schmidt / dpa
Sachsenburg. Anna Schüller ist beharrlich: Seit der Schule engagiert sie sich für einen Erinnerungsort in Sachsenburg.

Ein leeres Fabrikgebäude, die Ruine einer Villa, ein hoher Schornstein, dem das Heizhaus fehlt: Es braucht schon eine gehörige Portion Fantasie, um sich beim Blick über das Gelände eine Gedenkstätte vorzustellen. Anna Schüller hat diese Vorstellungskraft. Seit Jahren kämpft die 26-Jährige beharrlich und unermüdlich dafür, dass das Areal des früheren Konzentrationslagers Sachsenburg vor dem Verfall gerettet wird und eine Erinnerungsstätte dort entsteht. „Ohne Anna und die anderen Mitglieder der Initiative Klick wären wir noch längst nicht so weit wie wir jetzt sind“, sagt Gisela Heiden von der Lagerarbeitsgemeinschaft, deren Großvater Hans Riedel einst Gefangener in dem nahezu vergessenen Lager war.

Sachsenburg gehört zur Stadt Frankenberg im Landkreis Mittelsachsen. Für sie hat Anna Schüller ein Konzept für eine Außenausstellung ausgearbeitet. Auf der Insel am Fluss Zschopau sollen 14 Orte topographisch markiert werden. Kurz nach der Machtübernahme der Nazis entstand hier im April 1933 eines der frühen Konzentrationslager. Das Lager wurde bis September 1937 genutzt. Für die Markierung hat die Sprecherin der Initiative 150 000 Euro veranschlagt.

Nachdem die Stadt Frankenberg die Summe im Antrag an die Stiftung Sächsische Gedenkstätten auf 110 000 Euro gekürzt hatte, wurden schließlich 85 000 Euro bewilligt. Die Enttäuschung darüber ist ihr anzuhören. Sie habe nicht damit gerechnet, dass die Stadt weniger Mittel als von ihr angegeben beantragen würde. „Wir werden wirklich 150 000 Euro brauchen. Es ist unser Wunsch, dass es professionell ist und auch sicher zum Beispiel vor Vandalismus“, sagt Schüller.

Die Details des Konzeptes wollen die Lehrerin für Kunst und Geschichte und ihre Mitstreiter an diesem Mittwoch in Frankenberg auf einem Dialogforum vorstellen. Immerhin zwei Jahre Arbeit stecken in der Konzeption. Alles sei immer mit allen Beteiligten abgestimmt worden. „Das frisst Zeit“, sagt Anna Schüller. Das Konzept hat sie begleitend zu ihrem Referendariat verfasst, ihre Abschlussarbeit hat sie über die Wachmannschaften in Sachsenburg geschrieben.

Angefangen hatte alles während des Abiturs. Die Schülerin befasste sich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Mit sechs Gleichgesinnten gründete sie die „Jugendinitiative Klick“, von denen vier noch aktiv dabei sind. Der Name entstand, weil die Jugendlichen 2009 über das Thema Sachsenburg gestolpert waren. Da habe es dann eben „klick“ gemacht. Über den Auslöser schreibt die Initiative 2011 auf ihrer damaligen Internetseite: „So brachten wir in Erfahrung, dass es eine Lagerarbeitsgemeinschaft gibt, die vorwiegend aus Seniorinnen besteht, und kamen nach dem ersten Kontakt zu dem Entschluss, dass es ein jugendgemäßes Angebot braucht.“

Verfallen wirkt auch das Fabrikgebäude der Spinnerei in Frankenberg, das einst von den Nazis als Konzentrationslager genutzt wurde.
Verfallen wirkt auch das Fabrikgebäude der Spinnerei in Frankenberg, das einst von den Nazis als Konzentrationslager genutzt wurde. FOTO: Hendrik Schmidt / dpa

„Wenn Klick nicht gewesen wäre, wäre das Ganze im Mülleimer gelandet“, sagt Marcel Hett, Besitzer des Fabrikgebäudes, in dem früher die Gefangenen untergebracht waren. In den vergangenen Monaten hat die Initiative die fotografische Dokumentation der verbliebenen baulichen Zeitzeugnisse des KZ vorangetrieben. Dabei wurden in den Zellen neue Inschriften der Gefangenen entdeckt. Diese sollen nun entziffert werden – bislang ohne Hilfe eines Experten. „Der Spezialist heißt Anna Schüller“, sagt Anna Schüller nicht ohne Humor. Unterstützung ist rar – auf allen Ebenen.

Die Zellen sowie die ruinöse Villa, von der aus der spätere Sachsenhausen- und Buchenwald-Kommandant Karl Otto Koch (1897-1945) die Gräueltaten der SS-Wachmannschaften anleitete, sollen nach dem Willen der Initiative als historisch wertvolle Stätten erhalten bleiben. Danach könnten in der Villa, die wie das Gesamtensemble unter Denkmalschutz steht, zum Beispiel Seminarräume eingerichtet werden. Wegen Einsturzgefahr aber durfte das Gebäude nicht einmal für die Fotodokumentation betreten werden.