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Die fröhlichen Tunnelgräber vom Schloss Colditz

Der maßstabsgetreue Nachbau des legendären Gleiters steht auf dem Dachboden von Schloss Colditz.
Der maßstabsgetreue Nachbau des legendären Gleiters steht auf dem Dachboden von Schloss Colditz. FOTO: dpa
Dresden. Schloss Colditz (Kreis Leipzig) war das wohl einzige Lager, wo Kriegsgefangene Spaß hatten. Das Oflag IV, wo sich gewitzte britische Offiziere abseilten und wieder fangen ließen, wurde vor 70 Jahren von der US-Armee befreit. Christine Keilholz

Die Stories vom "Castle" kennt auf der Insel jedes Kind. Wie die vom Colditz-Gleiter. Die Helden sind zwei britische Luftwaffen-Offiziere, die im Frühjahr 1945 aus dem Gefangenenlager Schloss Colditz entwischen wollen. Mit einem Fluggerät, zusammengebaut aus einem Tisch, ein paar Fußbodendielen und Bettwäsche. Vom Dach der Schlosskapelle aus wollten sie über die Mulde fliegen. Doch sie waren zu spät.

Testflug im Gleiter

Am morgigen Donnerstag kehrt ein Nachbau des Gleiters zurück. Zum offiziellen Festakt am 70. Jahrestag der Befreiung des Militärgefangenenlagers werden der stellvertretende britische Botschafter und der amerikanische Generalkonsul beim Testflug dabei sein.

Pat Reids Flucht verfilmt

Noch berühmter ist höchstens die Geschichte des Royal-Air-Force-Offiziers Pat Reid, denn ihm gelang die Flucht. Wie der es 1942 schaffte, sich an den Klippen der Burg abzuseilen und sich von Sachsen aus bis in die Schweiz durchzuschlagen, war schon ein Buch wert. Reid schrieb es 1952, drei Jahre später wurde "The Colditz Story" verfilmt. Unter den vielen Filmen, die über das Castle gedreht wurden, finden sich Paradestücke englischen Humors. Wie die smarten Gefangenen Fluchtpläne aushecken, wie sie Spielchen spielen mit dem Wachpersonal. Wie sie sich verkleiden und nach der Probe im Knasttheater durch ein Loch in der Bühne verschwinden.

Wie sie eben jene tollkühne Flugkiste bauen aus Stuhlbeinen, Bettlaken und altem Kram. Und dann erwischt werden, es aber immer wieder versuchen.

Diese Abenteuer wären wohl nicht so berühmt geworden, hätte nicht die Burg Colditz als absolut gegolten. Solides Mauerwerk aus dem 16. Jahrhundert, bewährt in mehreren Kriegen, gestählt durch diverse Verheerungen. Malerstar Lucas Cranach der Ältere half einst bei der Innengestaltung, doch wohnlich wurde es nie auf dem Castle. Hier schmachteten kurfürstliche Witwen, später betreute Sozialfälle und eben Gefangene. Wie die 1500 Offiziere aus Großbritannien, Frankreich, Kanada oder Australien, die im Zweiten Weltkrieg hier einsaßen.

Stoff für Hunderte Filme

1939 hatte die Wehrmacht das Oflag eingerichtet als Mustergefängnis - um der Welt vorzuführen, wie gut der NS-Staat seine Kriegsgefangenen behandelte. Im Osten galt der Kommissarbefehl, der für gefangene russische Offiziere den sicheren Tod bedeutete. In den KZ litten Hunderttausende. Doch in Colditz galt maximale Schonung, auch für erwischte Ausbrecher. Stoff für Hunderte Komödien, Filme, Fernsehserien und sogar Brettspiele: hier der pfiffige Sträfling, da der dusslige SS-Mann, der den Tunneleingang nicht findet. Etwa 300 Mal wiederholte sich dieses Spiel. Die zuletzt 200-köpfige Wachmannschaft konnte nicht verhindern, dass 31 Gefangene entwischten.

Die Colditz-Story endete, als am 14. April 1945 die US-Army vorm Castle stand. Dass die Befreier damit den letzten spektakulären Fluchtversuch vereitelten, ist fast schon schade. So wird die Welt niemals wissen, ob der Colditz-Gleiter wirklich geflogen wäre.

Die DDR-Zeit verbrachte das schroffe Gemäuer als Krankenhaus, bis sich in den 1990er-Jahren ein Verein daran machte, den Colditz-Mythos vor Ort zu vermarkten. Als eher randständiger Standort im Katalog der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten lockt das Castle immerhin 30 000 Besucher im Jahr an. Die meisten kommen, wen wundert's, von der Insel.