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"Die Eltern haben das letzte Wort"

Die Zahl der Abiturienten im Freistaat wird in den nächsten Jahren wohl wachsen.
Die Zahl der Abiturienten im Freistaat wird in den nächsten Jahren wohl wachsen. FOTO: dpa
Dresden. Viele Eltern wollen ihre Kinder am Gymnasium sehen. Jetzt entscheiden Sachsen selbst, ob sie der Bildungsempfehlung glauben. Christine Keilholz / ckz1

() Sächsische Eltern bekommen künftig mehr Entscheidungsfreiheit über den Schulweg ihrer Kinder. Auch wenn ihre Kinder eine Empfehlung für die Oberschule erhalten, können sie aufs Gymnasium. Nötig sind nur ein Beratungsgespräch und ein Leistungstest.

Eine Neuerung, die Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU) im gewohnten sachlich-warmen Ton anmoderierte. Trotzdem, betonte die 62-jährige Ministerin, stehe das sächsische Schulsystem weiterhin auf den sicher tragenden Säulen von "Kontinuität und Stabilität". Es ist das Mantra der regierenden CDU, die seit 1990 die Kultusminister stellt.

Dass es jetzt überhaupt Bewegung beim Schulgesetz gibt, führt die Grünen-Bildungspolitikerin Petra Zais einzig zurück auf den "Druck derer, die seit Jahrzehnten mit den Konsequenzen einer oft starren, unmodernen und zunehmend ideologisch geprägten Bildungspolitik zu kämpfen haben". Wie eben jenes Elternpaar, das vor dem Oberverwaltungsgericht im Oktober 2016 den Weg frei kämpfte für die Tochter ans Gymnasium. Seitdem ist klar, mit der Bildungsempfehlung kann es nicht wie gehabt weitergehen.

Klare Kriterien für die Bildungsempfehlung von der Grundschule zur weiterführenden Schule stehen bislang nicht im Schulgesetz. Diesen Zustand hatte das Gericht für rechtswidrig erklärt. Deshalb musste das Schulgesetz novelliert werden. Aber, wie die Grüne Zais bemängelt, eben nur stückweise: "Die bemängelte Praxis wird gerade so abgewandelt, um vor Gericht Bestand zu haben."

Nämlich so: Eltern, deren Kinder keinen Notendurchschnitt von 2,0 in Mathe, Deutsch und Sachkunde erreicht haben, können trotzdem auf dem Gymnasium bestehen. Sie müssen dazu allerdings ein Beratungsgespräch und eine unbenotete Leistungserhebung in Kauf nehmen. Zudem müssen die Eltern eine schriftliche Erklärung abgeben. Schüler, Eltern und Lehrer sollen dadurch künftig Rechtssicherheit bekommen. "Die Eltern haben künftig tatsächlich das letzte Wort", sagt die SPD-Bildungspolitikerin Sabine Friede, "so, wie es in der Sächsischen Verfassung vorgesehen ist." Konsequenz sei aber auch, die Oberschulen anzugehen, so Friedel. Diese müssten "mindestens so attraktive Lernbedingungen wie das Gymnasium" bieten.

Der CDU-Abgeordnete Lothar Bienst betonte dagegen das weiterhin "hohe Anspruchsniveau" der Gymnasien. Diese Schulen seien "darauf zugeschnitten, leistungsstarke Schüler gezielt zu fördern" und auf Uni oder anspruchsvolle Berufe vorzubereiten.

Die sächsische Schülerauswahl steht schon länger in dem Verdacht, Jungen zu benachteiligen. Insbesondere nachdem 2011 die damalige CDU-FDP-Koalition die Latte für die weiterführende Schule höher hängte. Bis dahin reichte ein Notendurchschnitt von 2,5 für einen Zehnjährigen, das Ticket fürs Gymnasium zu bekommen. Die letzte Bildungsempfehlung im Frühjahr 2016 schickte von insgesamt 28 000 Viertklässlern 13 000 Schülen ans Gymnasium.

Beim längeren gemeinsamen Lernen, das in der Debatte um das neue Schulgesetz zwischen den Koalitionären von CDU und SPD wieder hochkocht, bleibt Ministerin Kurth beim Nein. Das gegliederte Schulsystem habe sich bewährt und werde sich auch weiter bewähren, sagte sie im Landtag.