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| 08:36 Uhr

Streit um den Wolf
Der Wolf rückt den Lausitzern rasant auf den Pelz

Jäger und Weidetierhalter in Sachsen fordern, den Lausitzer Wolf aufs Korn zu nehmen.
Jäger und Weidetierhalter in Sachsen fordern, den Lausitzer Wolf aufs Korn zu nehmen. FOTO: dpa
Niesky. Jäger und Politiker drängen darauf, den Wolf endlich die Angst vor dem Menschen zu lehren. Mit der Flinte. Deutschland zögert wie kaum ein anderes Land. Von Kathleen Weser

Der Wolf breitet sich in der Lausitz rasant aus und wandert in der dicht besiedelten Kulturlandschaft nicht –  wie von Naturschützern vorausgesagt – nach Lehrbuch ab. Vielmehr rücke die auf kleinem Raum unkontrolliert erstarkende Population der sehr lernfähigen und anpassungswilligen Raubtiere  den Lausitzern so auf den Pelz, dass die Gefahren wüchsen. Das behaupten viele heimische Jäger.

Landwirte, deren wirtschaftliches Standbein die Weidetierhaltung ist, beklagen zudem immer mehr Wolfsattacken auf Schafe und den frischen Nachwuchs kalbender Rinder. Vor allem die im August beginnende Jagdschule für den Wolfsnachwuchs wirke wirtschaftlich ruinös. Das sagt Schäfer Martin Just aus Cunnewitz, der sich vom Rosenthaler Rudel (Landkreis Bautzen) inzwischen auch existenziell bedroht sieht.

Jäger und Nutztierhalter fordern deshalb, dass die Wölfe in der dicht besiedelten Lausitzer Kulturlandschaft kurz gehalten werden. Etwa 1000 Tiere lebten inzwischen hier. Das sei zu viel und die Zeit deshalb reif für die Schutzjagd auf den Wolf – mit einer jährlichen Abschussquote, die auch für andere heimische Wildtiere gilt. Immer mehr europäische Staaten nehmen den Wolf, auch unter strengen Auflagen, aufs Korn.

Die zentraleuropäische Wolfspopulation wächst schnell. Das zeigen die amtlichen Daten der Bundesländer und fundierte Hochrechnungen.
Die zentraleuropäische Wolfspopulation wächst schnell. Das zeigen die amtlichen Daten der Bundesländer und fundierte Hochrechnungen. FOTO: LR / Elisabeth Wrobel

Die Anzahl der Wölfe in Deutschland ist für diesen Schritt Kraft Gesetzes entscheidend und daher ein heftiges Streitthema. Denn: Für die zentraleuropäische Population, zu der die polnischen und Lausitzer Wölfe gehören, muss für ein solches aktives Populationsmanagement der „günstige Erhaltungszustand“ festgestellt sein. Der Wolf ist nach dem Berner Abkommen und der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) eine streng geschützte Tierart, in die jeder Eingriff bei Strafe verboten ist. Die Jagdverbände geben die Zahl der Raubtiere westlich der Weichsel bis in die Lausitz inzwischen mit mehr als 1000 Wölfen an. Und damit wäre praktisch nachgewiesen, dass die Art für jagdliche Eingriffe stabil genug ist. Denn dann gibt das geltende europäische Recht den Abschuss von Wölfen bereits her. Schweden, Dänemark und Finnland handeln auf der Basis.

Naturschützer indes bestreiten für Deutschland den erforderlichen günstigen Erhaltungszustand der Wolfspopulation. Und sie haben für den Rundum-Schutz des Tieres auch das Bundesnaturschutzgesetz auf ihrer Seite. Denn das schützt den Wolf noch strenger als das übergeordnete EU-Recht – und bedürfte einer wörtlichen Anpassung auf dieses, um den Wolf zur Schutzjagd freizugeben. Das bestätigt Michael Stübgen (CDU), der Parlamentarische Staatssekretät im Bundeslandwirtschaftsministerium. Er erklärt, dieses Ziel zu verfolgen. Doch offizielle Angaben zu einer – auch nur geschätzten – Gesamtzahl der Wölfe gibt es in Deutschland bis heute nicht.

Das Töten von Problemwölfen ist möglich. Wenn ein Tier erwiesen mindestens dreimal die gleiche Herde angefallen hat oder anderweitig zur Bedrohung geworden ist, kann der Antrag gestellt werden. Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) hat dies für einen Wolf des Rosenthaler Rudels getan – und ist gescheitert. Sein Görlitzer Amtskollege Bernd Lange (CDU) hatte den Abschuss, wie sich am erlegten Tier später zeigte, eines kranken Wolfes durchgesetzt – und dafür mehr als 200 Strafanzeigen von Naturschützern am Hals. Der Kommunalpolitiker unterstützt die Forderung nach der Schutzjagd auf den Wolf. Denn er fürchtet um den gesellschaftlichen Frieden in der Lausitz. „Wir brauchen absolute Transparenz zum Wolf“, sagte er jüngst bei einer auch emotional aufgeheizten Diskussion mit Bürgern in Niesky.  Das Misstrauen in behördliche Aussagen sei gefährlich groß. Eine klare Datenerhebung zur Ausbreitung des Wolfes in der Lausitz sei dringend erforderlich. Die Aussagen zur Präsenz des Tieres reichten auf vier Quadratkilometern um Rothenburg von einem Rudel bis zu vier Rudeln. Für die Entscheider und den Jäger, der den Schuss abgeben soll, müsse für den Fall des Tötens eines Wolfes Rechtssicherheit geschaffen werden. Derzeit darf auf ein Problemtier nur an dem Ort angelegt werden, von dem die Gefahr ausgeht. Der Aktionsradius der Wölfe aber ist groß. Und der Weidmann haftet dafür, dass er wirklich nur das richtige Tier trifft. Diese Regelungen seien realitätsfern. Lange plädiert zudem ausdrücklich dafür, die Entschädigungsverfahren für Nutztierhalter zu vereinfachen. Und:  „Zur Hege und Pflege für den Erhalt des heimischen Wildtierbestandes gehört auch eine Kappungsgrenze beim Wolf“, betont der Görlitzer Landrat.

Der Wolfssachverständige des Jagdverbandes Sachsen, Dr. Friedrich Noltenius, appelliert: „Wer dem Wolf eine Chance geben will, ist verpflichtet, ihm auch die erforderliche Scheu zu erhalten, die das Tier auch ganz natürlich vom Menschen fernhalten kann.“ Dem sollten sich die lautstarken Befürworter des bedingungslosen Wolfsschutzes in Deutschland glaubhaft stellen.