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| 19:11 Uhr

Geschichte
Zwischen Zwangsarbeit und Freikauf

Die Zeitzeugen Manfred Matthies und Sigrid Grünewald diskutierten unter der Moderation von Silke Klewin, Leiterin der Gedenkstätte Bautzen, über die Themen Zwangsarbeit und Häftlingsfreikauf.....
Die Zeitzeugen Manfred Matthies und Sigrid Grünewald diskutierten unter der Moderation von Silke Klewin, Leiterin der Gedenkstätte Bautzen, über die Themen Zwangsarbeit und Häftlingsfreikauf..... FOTO: Uwe Menschner
Bautzen . Der Strafvollzug bildete für die DDR einen wichtigen Wirtschaftsfaktor – ein Thema für das 29. Bautzen-Forum. Von Uwe Menschner

Welchen monetären Wert hat ein politischer Gefangener? Diese heute absurd klingende Frage hatte einst durchaus ihre Berechtigung. Die DDR und die BRD fanden darauf immer wieder neue Antworten. Waren es zunächst 40 000 DM, so stieg der Preis für den Freikauf eines politischen Häftlings aus den DDR-Gefängnissen durch die BRD auf bis zu 200 000 DM pro Person. „Um jeden einzelnen Fall wurde hart und zäh gerungen“, weiß Jan-Philipp Wölbern. Der promovierte Historiker gilt als führender Experte auf dem Gebiet des Häftlingshandels zwischen den beiden deutschen Staaten. Zahlreiche Faktoren spielten bei der Preisbildung eine Rolle: Schwere des zur Last gelegten Vergehens, Länge der noch verbleibenden Haftstrafe, aber auch die Bedeutung, welche die verantwortlichen Kreise der Bundesrepublik dem einzelnen „Fall“ beimaßen.

Die BRD bezahlte von 1963 bis 1989 insgesamt 3,4 Milliarden DM an die DDR und holte damit etwa 33 000 Männer und Frauen aus den Haftanstalten. Der durchschnittliche Preis – um die Eingangsfrage zu beantworten – lag also bei etwas über 100 000 DM.

Freilich hat eine solche Betrachtungsweise immer etwas zynisches an sich, da es sich bei jedem „Fall“ um ein persönliches Schicksal handelt. Ein Schicksal etwa wie das von Manfred Matthies. Der gebürtige Magdeburger war 1959 aus der DDR geflohen und hatte sich einer studentischen Fluchthilfeorganisation angeschlossen. Bei einer dieser Aktionen verhafteten ihn die Sicherheitskräfte. Das anschließende Urteil: 13 Jahre Zuchthaus, zu verbüßen in der Stasi-Haftanstalt Bautzen II. „Doch schon mein Vernehmer sagte zu mir: Nach spätestens einem Jahr wird man Sie freikaufen.“ Mit dieser Hoffnung trat Matthies den schweren Weg in die ostsächsische Provinz an. „Dann traf ich in Bautzen Gefangene, die schon seit 12, 14 Jahren einsaßen. Da schwand mir der Mut.“ Welchen Umständen es Manfred Matthies zu verdanken hatte, dass es letztlich „nur“ drei Jahre und neun Monate wurden, weiß er bis heute nicht. „Die Freilassung erfolgte ganz plötzlich, ohne Vorankündigung. Sachen packen und Abtransport.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Sigrid Grünewald gemacht, die sich als gebürtige Westberlinerin in einen DDR-Bürger verliebt hatte und diesem zur Flucht aus der DDR verhelfen wollte. „Auch bei mir ging es ganz unverhofft. Doch dann war der Transporter, mit dem wir zur Entlassung nach Chemnitz überstellt werden sollten, kaputt, und wir mussten noch eine weitere Nacht in Bautzen II verbringen.“ Beide Zeitzeugen engagieren sich bis heute dafür, die Erinnerung an das DDR-Regime und insbesondere an die Stasi-Haftanstalt Bautzen II am Leben zu erhalten und hatten sich daher gern bereit erklärt, im Rahmen des diesjährigen Bautzen-Forums von ihren Erlebnissen zu erzählen. Und auch über einen weiteren Aspekt wussten sie zu berichten: Die Arbeit, zu der die DDR-Häftlinge gezwungen wurden. „600 Millionen Euro erwirtschaftete die DDR durch den Verkauf der im Strafvollzug hergestellten Produkte an Westkonzerne wie Ikea und Quelle. Die Unternehmensspitzen wussten darüber Bescheid und hatten keine Skrupel“, so der Politikwissenschaftler Tobias Wunschik, der umfangreich zu dieser Thematik geforscht hat. In Bautzen II allerdings wurde nicht für den Westen gearbeitet, sondern für den VEB Schaltgerätewerk Oppach. „Unsere Arbeit war für die Planerfüllung fest eingeplant“, so Manfred Matthies. Und so hieß es vor dem Jahresende, Überstunden zu schrubben, um die Erfüllung des Solls zu ermöglichen. Und doch, so der Ex-Gefangene, seien die Plätze im Arbeitsraum begehrt gewesen: „Alles war besser, als allein in der Zelle zu hocken.“ Genauso erinnert sich auch Sigrid Grünewald, die in der Küche arbeitete.

Vier Milliarden DM aus dem Häftlingsverkauf und aus der Zwangsarbeit – eine beachtliche Summe, die die DDR mithilfe ihres Strafvollzugs „erwirtschaftete.“ Und doch reichte sie nicht aus, das System wirtschaftlich zu retten. Noch nicht einmal der Strafvollzug selbst arbeitete kostendeckend, wie Tobias Wunschik erklärt. Und was sagt uns das alles in der heutigen Zeit? „Auch heute lassen westliche Konzerne in ärmeren Ländern unter menschenunwürdigen  Bedingungen produzieren. Das sollte zumindest mit erwähnt werden“, so der Politikwissenschaftler.