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Straßenverkehr
Mehr Platz fürs Rad

In immer mehr Städten gibt es Fahrradspuren. In Leipzig tobt derzeit wegen neuer Radspuren ein regelrechter Krieg, weil sich Autofahrer und Straßenbahn deshalb eine Spur teilen sollen.
In immer mehr Städten gibt es Fahrradspuren. In Leipzig tobt derzeit wegen neuer Radspuren ein regelrechter Krieg, weil sich Autofahrer und Straßenbahn deshalb eine Spur teilen sollen. FOTO: Daniel Karmann / dpa
Leipzig. Der Streit, wer wo fahren darf, tobt in jeder großen Stadt. In Leipzig steht nun die zuständige Bürgermeisterin unter Beschuss. Der Vorwurf: Sie sei zu lieb zu den Radfahrern. Von Christine Keilholz

Jetzt will die CDU Dorothee Dubrau (parteilos) gleich ganz entmachten. Die Zuständigkeit für Verkehr soll ihr entzogen werden, auch von Abwahl ist bereits die Rede. Dubrau, so wettert der Chef der CDU-Stadtratsfraktion, Frank Tornau, habe mehrfach nachgewiesen, dass sie beim Thema Verkehr „entweder überfordert ist oder eben ideologisch verblendet agiert“.

Mit dieser Meinung steht Tornau nicht allein da. Auch die Leipziger Handwerkskammer ist stinksauer, weil die Bürgermeisterin angeblich den Autos und Straßenbahnen den Weg verstellt zugunsten der Radfahrer.

Woher kommt der Unmut? Er liegt auf der Straße, zuletzt auf der Dresdner Straße. Die Hauptverkehrsstraße, die den zentralen Augustusplatz mit dem Osten der Stadt verbindet, ist ein Kanal, durch den die innerstädtischen Blechlawinen besonders zäh fließen, wenn nicht gerade Stau ist.

Vor Kurzem wurde auf der Dresdner Straße ein Radstreifen aufgetragen. Der hat zur Folge, dass sich nun Autofahrer und Straßenbahnen eine Spur teilen müssen. Die Handwerkskammer regt das besonders auf, denn sie hat ihre Geschäftsstelle an der Dresdner Straße. Von dort aus wird nun eifrig gegen die Baubürgermeisterin der Grünen geschimpft.

„Unsere Handwerker sind sauer“, trompetete Kammerpräsident Claus Gröhn kürzlich ins Mikro des MDR. Dubrau richte die städtische Verkehrspolitik seit Jahren allein auf die Bedürfnisse von Radfahrern aus, das müsse ein Ende haben. Und die Amtszeit von Dorothee Dubrau gleich mit.

Die 62-jährige Berlinerin ist seit vier Jahren Dezernentin für Stadt-
entwicklung und Bau in der Messestadt. Die Grünen holten die Architektin damals, um die Schlüsselposition im Rathaus zu besetzen. Dubrau hat eine reiche Berufserfahrung mit innerstädtischem Wohnungsbau, mit peripheren Wohnungsneubaugebieten. Sie war Stadtplanerin, selbstständige Architektin und Gastprofessorin. Sie ist bekannt für ihre auffälligen Hüte. Aber dieser Radstreifen, der ist einigen zu viel.

Dabei ist er nicht mal auf Dubraus Mist gewachsen. Der Radstreifen auf der Dresdner Straße ist Teil eines Radverkehrsentwicklungsplans, den der Stadtrat bereits 2012 beschlossen hat, also vor Dubraus Zeit. Damals war man sich mehrheitlich einig, den Radverkehr in der Stadt bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent anzuheben.

„Demokratisch zustande gekommene Entscheidungen sollten von allen Beteiligten akzeptiert werden“, antwortet die Bürgermeisterin deshalb auf die Anwürfe. Im Vergleich mit anderen Großstädten stecke Leipzig durchaus wenig im Stau. Aber der Streit um den Leipziger Verkehr schwelt schon länger und umfasst mehr. Auch als die Stadt im März 2011 eine Umweltzone einrichtete, gingen die Handwerker auf die Barrikaden. Denn für ihre Diesel-betriebenen Lieferwagen gab es die benötigte grüne Plakette meistens nicht. Sie mussten also draußen bleiben.

In die Umweltzone dürfen nur Fahrzeuge, die mit einer grünen Plakette – also Schadstoffgruppe 4 – gekennzeichnet sind.

Da ist nun der Streit um mehr Platz fürs Fahrrad nur ein weiterer Aufhänger. Zumal auch auf der Georg-Schumann-Straße, die vom Zentrum aus nach Westen führt, die Fahrbahnen von Straßenbahn und Autos zusammengelegt wurden zugunsten der Radfahrer.

Das hat auch zur Folge, dass die Bahn öfter zu spät kommt. Die Kreishandwerkerschaften werfen der Bürgermeisterin vor, dem gegenseitigen Behindern von Autoverkehr, ÖPNV und Radverkehr Vorschub zu leisten. Sie vermissen Ablade- und Liefermöglichkeiten für Handwerk und Wirtschaftsverkehr – und Parkplätze sowieso.

Die Grünen im Stadtrat sehen es gelassen. Weniger Autos und mehr Räder machten schließlich „die Wege gerade für die Handwerkerschaft und die Lieferindustrie frei“, sagt Fraktionschef Norman Volger.