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Den Toten Namen und Gesichter geben

Auf dem Gemälde "Tante Marianne (87)" hat der weltberühmte Maler Gerhard Richter seiner Tante ein Denkmal gesetzt. Die Yageo Foundation in Taipeh hat es 2016 bei Sotheby's in London für rund drei Millionen Euro ersteigert. Das schwarz-weiße Doppelporträt entstand 1965 nach einem Foto vom Juni 1932 in Dresden – hier ein Ausschnitt aus dem Kunstwerk.
Auf dem Gemälde "Tante Marianne (87)" hat der weltberühmte Maler Gerhard Richter seiner Tante ein Denkmal gesetzt. Die Yageo Foundation in Taipeh hat es 2016 bei Sotheby's in London für rund drei Millionen Euro ersteigert. Das schwarz-weiße Doppelporträt entstand 1965 nach einem Foto vom Juni 1932 in Dresden – hier ein Ausschnitt aus dem Kunstwerk. FOTO: © Gerhard Richter 2017 (28082017)
Großschweidnitz. Das junge Mädchen schaut verträumt in die Ferne, ein Lächeln umspielt seine Lippen. Auf dem Schoß liegt ein wenige Monate altes Kind. Uwe Menschner / ume1

Ein Bild perfekter Harmonie, eingefangen für die Ewigkeit. Doch der Schein trügt: 13 Jahre später, mit gerade einmal 27 Jahren, wird das Mädchen - dann eine junge Frau - tot sein.

Das Kind auf ihrem Schoß heißt Gerhard Richter und soll später einmal als einer der bedeutendsten Maler der Welt gelten. Das junge Mädchen trägt den Namen Marianne Schönfelder und ist die Tante des späteren weltberühmten Künstlers. Mit dem Bild "Tante Marianne" setzte Gerhard Richter seiner Verwandten ein Denkmal und erinnerte gleichzeitig an ihr tragisches Schicksal: Mit der Diagnose "Schizophrenie" in die Landesheilanstalt Großschweidnitz eingewiesen, fiel Marianne noch 1945 der Vernichtung vermeintlich "unwerten" Lebens zum Opfer. Damit teilt sie das Schicksal von mehr als 5500 psychisch kranken Menschen, die zwischen 1940 und 1945 in Großschweidnitz ums Leben kamen. Einige wurden ermordet, andere starben, weil ihnen Nahrung und lebenswichtige Medikamente vorenthalten wurden. "Etwa 3600 liegen, würdelos verscharrt und bislang anonym, unweit der früheren Pathologie auf dem Gelände des Großschweidnitzer Friedhofes", weiß Jons Anders. Der Bürgermeister der Gemeinde vor den Toren von Löbau ist gleichzeitig Vorsitzender eines Fördervereins, der sich für den Aufbau einer Gedenkstätte für die Euthanasieopfer von Großschweidnitz einsetzt.

"Seit 2012 sind wir im sächsischen Gedenkstättengesetz verankert. Seitdem bieten wir Wanderausstellungen, Vorträge und Führungen an", berichtet er. Das Vereinsziel besteht darin, den anonymen Toten Namen und, wo das wie im Falle der Marianne Schönfelder möglich ist, Gesichter zu geben.

Diesem Ziel diente bereits der Druck eines Totenbuches, das die Opfer von Großschweidnitz mit Namen, Geburts- und Sterbedaten auflistet.

Die jetzt fertiggestellte Opferdatenbank geht noch einen Schritt weiter: Sie enthält nicht nur Namen und Daten, sondern auch Anmerkungen zu den persönlichen Schicksalen und den Todesursachen. Beispielsweise zu dem Schicksal von Wolfgang Thume, einem zum Zeitpunkt seines Todes elfjährigen Jungen, der angeblich an Lungenentzündung starb - einer der von den NS-Ärzten am häufigsten vermerkten Sterbegründe.

"Glücklicherweise sind die mehr als 5500 Patientenakten im Hauptstaatsarchiv Dresden gesichert worden", erklärt Dr. Maria Fiebrandt, die das Projekt zur Erstellung der Datenbank leitete. Die Nationalsozialisten dokumentierten ihr mörderisches Tun akribisch, was der heutigen Aufarbeitung zugute kommt. "Durch die Akten und den Abgleich mit anderen Dokumenten konnten wir die Namen von 5539 der 5573 in Großschweidnitz verstorbenen Patienten ermitteln", so Maria Fiebrandt. Menschen aller Altersgruppen mussten hier ihr Leben lassen - Kinder ebenso wie Erwachsene im arbeitsfähigen Alter und Greise.

Circa 70 Prozent kamen aus Sachsen, doch auch die Rheinprovinz und die Pfalz waren stark vertreten: "Patienten aus dortigen Einrichtungen wurden hierher verlegt, um Platz für Lazarette zu schaffen."

Die Aufarbeitung der Schicksale aus der Großschweidnitzer Heilanstalt findet auch die Unterstützung der sächsischen Staatsregierung. "Es ist wichtig, den vielen Opfern einen Namen zu geben und deren Geschichte zu erzählen. Solche Erinnerungsprojekte sind wichtig, um das Unbegreifliche auch für die nächste Generation greifbar zu machen. So wird es auch jungen Menschen besser möglich, sich damit auseinanderzusetzen", so Sozialministerin Barbara Klepsch (CDU) bei einem Besuch dieser Tage.

Ihr Haus förderte die Erstellung der Opferdatenbank mit knapp 43 000 Euro. Auch am Ausbau der früheren Pathologie zur festen Gedenkstätte will sich der Freistaat beteiligen, wobei die Höhe der Mittel und die Details noch unklar sind.

"Gegenwärtig planen wir auf der Grundlage unserer Gedenkstättenkonzeption die Sanierung der ehemaligen Pathologie und die Errichtung eines An- oder Neubaus", so Jons Anders. Dann wird auch "Tante Marianne" als von Gerhard Richter gespendete Fotografie seines Gemäldes einen Bestandteil der Ausstellung bilden.