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"Dem Sterben nicht tatenlos zusehen"

Dresden. Gegen den Flüchtlingshilfeverein "Mission Lifeline" wird wegen möglicher Schleuserei ermittelt. Dabei sind die Dresdner Seenotretter noch nicht mal in See gestochen. Christine Keilholz / ckz1

Der Verein will Menschen, die sich in Seenot befinden, vor dem Ertrinken bewahren. Und das in dem Seegebiet, in dem "aktuell am meisten Menschen weltweit sterben", schreibt Mission Lifeline auf seiner Homepage. "Wir wollen dem Sterben der Menschen im Mittelmeer nicht weiter tatenlos zusehen, während eine menschliche und politische Lösung auf sich warten lässt", schreiben Vereinschef Axel Steier und sein Vize Sascha Pietsch. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Dresden gegen die beiden Männer. Laut Oberstaatsanwalt Lorenz Haase geht die Behörde einer Anzeige nach, die eine Privatperson erstattet hat. Es geht um den Verdacht der Schleusertätigkeit.

Der Vereinsvorsitzende Steier nennt die Vorwürfe "völlig absurd". Woher die Anzeige kommt, kann er sich gut vorstellen. Steier vermutet, aus den Reihen der Pegida-Bewegung. Schließlich hatte sich der Chef der asylfeindlichen Bewegung, Lutz Bachmann, schon Ende 2016 abfällig über den Verein geäußert. Auf Facebook nannte Bachmann damals Mission Lifeline "Gesetzesbrecher" und eine "kriminell agierende private Schlepperorganisation". Eine Klage des Vereins endete im Januar in einem Vergleich. Laut Landgericht Dresden darf Bachmann seine Äußerung nicht mehr wiederholen.

Mission Lifeline plant, ein Schiff zu kaufen und damit Patrouillen im Mittelmeer zu fahren. Ziel ist es, Flüchtlinge aus Afrika in Sicherheit zu bringen, die dort auf Schlepperkähnen in Seenot geraten. Für das Schiff braucht der Verein 240 000 Euro. 80 Prozent des Geldes konnten bereits als Spenden eingeworben werden. Der Verein hat sich im Mai 2016 gegründet. Ab September soll das Rettungsschiff in See stechen und die Patrouillendichte im Suchgebiet entlang der libyschen Küste verstärken.

Vereinschef Axel Steier ist Soziologe und Rettungsassistent, Sascha Pietsch gelernter Tischler. Die Gruppe um die beiden Männer sammelte 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, Sachspenden für Flüchtlinge, die auf der Balkanroute unterwegs waren. Man habe damals mehrere Hilfskonvois nach Serbien organisiert, heißt es aus dem Verein. Später entwickelte sich daraus die Idee mit dem Rettungsschiff.

Fürs Erste wartet Mission Lifeline nun auf den genauen Wortlaut der Anzeige. Sollten dort falsche Tatsachenbehauptungen enthalten sein, behalte man sich juristische Schritte vor, sagt Steier. Eine Vorladung der Bundespolizei, die in dem Fall ermittelt, hielt der Vereinschef zunächst für einen Fake.

Jedenfalls stieg die sächsische AfD in die Kritik an Mission Lifeline ein. Der parlamentarische Geschäftsführer der Landtagsfraktion, Uwe Wurlitzer, sprach von "Leuten, die der illegalen Einwanderung möglicherweise Vorschub leisten". Zudem rückte er Steier und sein Team in die Nähe von "obskuren Vereinen, die im großen Stil Menschen unter dem Vorwand der Humanität nach Europa bringen".