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| 13:05 Uhr

Die Wichtigkeit kleiner Kliniken
Jens Spahn in Spremberg: Was er in der Lausitz lernen kann

 Vor dem Hintergrund des Vorstoßes kleine Kliniken zu schließen, hat Raik Nowka, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU im Landtag Brandenburg, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eingeladen.
Vor dem Hintergrund des Vorstoßes kleine Kliniken zu schließen, hat Raik Nowka, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU im Landtag Brandenburg, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eingeladen. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit
Spremberg. Die Forderung nach Schließungen ignoriert, dass an Kliniken auch die ambulante Versorgung ganzer Regionen hängt – besonders in der Lausitz. Ende August will sich der Bundesgesundheitsminister in Spremberg über diese Thematik informieren. Von Christine Keilholz

Ende August kommt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nach Spremberg. Der Besuch im Krankenhaus dort wird ein kurzer werden. Nur eine Stunde hat der Minister Zeit. Aber das dürfte reichen, ihm zu zeigen, was die Lausitz zur bundesdeutschen Gesundheitspolitik beitragen kann.

Es geht um die viel beschworene Verknüpfung von stationärer und ambulanter Versorgung, von der jetzt viel die Rede ist. „Bei uns in der Fläche funktioniert das längst“, sagt der CDU-Gesundheitspolitiker Raik Nowka. „Weil uns der Personalmangel dazu zwingt.“ Nowka hat Spahn eingeladen. Spremberg soll ein wichtiges Signal setzen in der Debatte um die Lebensfähigkeit kleiner Krankenhäuser auf dem Land.

Welche Bedeutung haben diese Krankenhäuser für die Regionen, in denen sie stehen? Diese Frage erhitzt die Gemüter, seit in der vergangenen Woche eine umstrittene Studie erschien. Die in Gütersloh ansässige Bertelsmann-Stiftung empfiehlt darin ein radikales Ausdünnen der Krankenhauslandschaft.

Die Hälfte der 1400 Krankenhäuser in Deutschland könne man problemlos dicht machen, heißt es darin. Begründung: Die Qualität stimme viel zu oft nicht. Ein renommiertes Team von Ärzten kommt in der Studie zum Schluss, kleine Häuser hätten weder die Technik noch die nötige Behandlungsroutine, um Patienten Sicherheit zu geben.

Ein anderer Aspekt ist die wachsende Bedeutung der ambulanten Medizin. Versorgung kann man längst nicht mehr an Krankenhausbetten abzählen, wenn sie immer öfter in der Sprechstunde stattfindet.

Aber da kommen wieder die Krankenhäuser ins Spiel. In der Fläche sind sie die Stützpunkte einer kompletten medizinischen Versorgung. Selbst wenn viele Fälle gar nicht mehr vom Arzt gesehen werden müssen, ist das Krankenhaus noch immer das Zentrum, zu dem alle Bewegung im Gesundheitssystem einer Region strebt.

Das Ambulante ist meist an die Kliniken angedockt. Medizinische Versorgungszentren (MVZ) spielen dabei eine wichtige Rolle. Die meisten dieser Einrichtungen arbeiten unter dem Dach einer Klinik. Von den 77 Krankenhäusern in Brandenburg betreiben 42 ein solches Zentrum. Das Spremberger Krankenhaus hat gleich zwei MVZ. Das Lausitz-Klinikum in Forst hat eines, das pro Jahr 4000 Menschen ambulant behandelt. Weitere fünf Versorgungszentren stehen in Cottbus.

Sachsen bietet ein ähnliches Bild: Dort gibt es 174 solcher Einrichtungen, die Hälfte davon wird von Krankenhäusern betrieben.

Medizinische Versorgungszentren sind im Kommen. Gut 600 brandenburgische Ärzte arbeiten laut Landesärztekammer in diesen Einrichtungen, Tendenz steigend. Einige dieser Zentren gehen auf frühere Polikliniken zurück – daher stammt auch die Idee. Es geht darum, verschiedene Disziplinen unter einem Dach zu bündeln und damit straffe Strukturen zu schaffen.

Den Kliniken kommt damit eine Ankerfunktion in der medizinischen Versorgung zu, die in Zukunft ausgebaut werden soll. So will die brandenburgische Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) kleine Krankenhäuser über die Grundversorgung hinaus entwickeln. Diese Häuser sollen ambulant-stationäre Versorgungs- oder Gesundheitszentren werden.

Der Link zwischen Klinik hier und Zentrum da besteht auch im Personal. Ärzte oder medizinische Fachkräfte bespielen oft beide Systeme. Sie arbeiten zum Beispiel halbtags in der Klinik und betreuen nachmittags Patienten unter dem Dach des Versorgungszentrums. Das kommt den Arbeitszeit-Bedürfnissen der Mediziner entgegen – und sichert umkehrt das Personal in gleich zwei Einrichtungen.

Auch für die Ausbildung von medizinischem Nachwuchs wird die Klinik als Anker gebraucht. Den Versorgungszentren allein fehlen die finanziellen Möglichkeiten, Lehrlinge auszubilden. Dafür werden Kliniken gebraucht, die die nötige technische Ausstattung bieten. Laut Bertelsmann-Studie ist die Technik in kleinen Kliniken zwar zu schwach, um dauerhaft erfolgreich zu arbeiten. Die Länder halten dagegen mit immer neuen Investitionen. Für 2019 und 2020 hat die rot-rote Landesregierung jeweils 100 Millionen Euro für die Modernisierung von Krankenhäusern eingeplant.

Rot-Rot hat dagegen ein eigenes Existenzminimum für kleine Kliniken definiert: Mindestens eine Fachabteilung für innere Medizin und Chirurgie muss demnach vorhanden sein, damit die Häuser eine Zukunft haben.

In dieser Zukunft geht es nicht mehr nur um die Grundversorgung für die häufigsten Krankheiten, die möglichst wohnortnah stattfinden soll. Die Patienten messen die Güte eines Krankenhauses in erster Linie in den Minuten, die sie mit dem Auto dorthin fahren.

Die Krankenhäuser bleiben auch tragende Säule der Notfallversorgung. Die will Bundesminister Spahn entlasten. Sein neuester Gesetzentwurf sieht die Einrichtung von Integrierten Notfallzentren vor. Die sollen nach Willen Spahns in allen Kliniken entstehen.

Die Kliniken sichern eine medizinische Infrastruktur in der Fläche, die sich ohne sie kaum halten könnte. Das „erklärte Ziel“ der Regierung, alle Krankenhausstandorte im Land zu erhalten, wird nur funktionieren, wenn die Verzahnung von ambulant und stationär gelingt.

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  Vor dem Hintergrund des Vorstoßes zur Schließung kleinerer Kliniken hat Raik Nowka, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU im Landtag Brandenburg, den Bundesgesundheitsminister in die Spremberger Klinik eingeladen.
Vor dem Hintergrund des Vorstoßes zur Schließung kleinerer Kliniken hat Raik Nowka, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU im Landtag Brandenburg, den Bundesgesundheitsminister in die Spremberger Klinik eingeladen. FOTO: LR / Annett Igel-Allzeit