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| 02:58 Uhr

Das Glamour-Girl der AfD

Die sächsische Vorsitzende der Partei Alternative für Deutschland (AfD), Frauke Petry, startete Anfang August in Dresden mit einer Fahrradtour den Wahlkampf zur Landtagswahl.
Die sächsische Vorsitzende der Partei Alternative für Deutschland (AfD), Frauke Petry, startete Anfang August in Dresden mit einer Fahrradtour den Wahlkampf zur Landtagswahl. FOTO: dpa
Dresden. Ohne die tatkräftige Pfarrersfrau aus Tautenhain wäre die AfD in Sachsen nie so weit gekommen. Ob es wirklich für den Sächsischen Landtag reicht, wird sich am 31. August zeigen. Christine Keilholz

Der Einzug in Sachsens Landtag ist für die Alternative für Deutschland (AfD) im Prinzip alternativlos. Sachsen ist ihr Kraftzentrum im Osten. Hier holte die neue Partei bei der Bundestagswahl im September 2013 Spitzenwerte. Hier wird sich die Zukunft der Partei entscheiden. Und: Hier kämpft Frauke Petry.

Der Aufstieg der 39-jährigen Unternehmerin zur Politikerin dauert gerade eineinhalb Jahre. Hinter ihr liegt bereits eine Bundestagswahl, die die AfD zur Sieben-Prozent-Partei in Sachsen machte. Dazu ein außerordentlich starkes Europawahl-Ergebnis von 10,1 Prozent Ende Mai und eine erwartbar schwache Kommunalwahl. Die bevorstehende Landtagswahl wird Petry höchstwahrscheinlich zur Landtagsabgeordneten machen. Auch wenn der Stern der AfD in den Umfragen zuletzt sank. Seit Ende Juni von sieben auf fünf Prozent. Zu tun hat das auch mit allzu beliebigen Koalitionsaussagen der Spitzenkandidatin Petry. Mit einer de-facto-Zusage an ein Linksbündnis verschaffte sich Petry im Juli Gehör. Was das arg nach rechts kippende Boot der AfD wieder ein Stück nach links rucken sollte, wurde zur Lachnummer. Zumindest ließ die Offerte am politischen Instinkt der promovierten Chemikerin zweifeln.

Bemerkenswerte Personalie

Den bewies Petry indes mit einer bemerkenswerten Personalie. Der 52-jährige Landesvize Thomas Hartung hatte sich schon durch Alleingänge unbeliebt gemacht. Als er dann via Facebook einen Spanier mit Down-Syndrom verunglimpfte, fackelte Petry nicht lange. Wenige Tage später war Hartung von der Liste.

Die Probleme in diesem Landesvorstand machen die Männer - kein Wunder, Petry ist die einzige Frau. Da war der Dresdner Jung-Kader Sören Oltersdorf, der sich bei NPD-Umzügen herumtrieb. Da ist jüngst der Bautzner Listenkandidat Arvid Samtleben, die die eigene Partei per Verfassungsbeschwerde aus dem Wahlkampf kicken will. Auf Skandale dieser Art folgt bei der AfD üblicherweise der Rausschmiss. Umso mehr steht die drahtige Pfarrersfrau Petry als einzige ernst zu nehmende Konstante da.

Keine sieben Prozent ohne sie

Mit 89 Prozent wählte der Landesverband die Landeschefin im April an die Spitze der Liste zur Landtagswahl. Beim ersten AfD-Parteitag im April 2013 wurde sie als eine von drei Sprechern in den Bundesvorstand gewählt. Keine Frage: Ohne sie kommt die AfD in Sachsen nie auf sieben Prozent. In die Partei, die gern als professoraler Stammtisch-Club verulkt wird, brachte Petry eine Portion Esprit, unternehmerische Tatkraft und anständige bürgerlich-konservative Verankerung ein. Die vierfache Mutter kann Orgel spielen und singt im "Leipziger Vocalensemble". Wenn sie eine "Drei-Kind-Politik" fordert, klingt es weniger nach Mutterkreuz, sondern mehr nach Pfarrhaus-Romantik.

In Schwarzheide wuchs die Tochter einer Chemikerin und eines Ingenieurs auf, bevor die Familie 1989 in den Westen ging. Am städtischen Gymnasium von Bergkamen im Ruhrgebiet, der neuen Heimat, legte Frauke Marquardt 1995 das Abitur ab und lernte den Pfarrersohn Sven Petry kennen. Das Paar lebt seit 2009 mit vier Kindern in Tautenhain bei Leipzig. 2004 machte Frauke Petry ihren Doktor am Göttinger Institut für Pharmakologie und Toxikologie und stieg dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin ein.

Mit knapp 32 kehrte sie dem Uni-Betrieb den Rücken zu und machte sich selbstständig. Das Geschäft rund um den Reifen-Kunststoff Hydro-Pur, den ihre Mutter in den 90ern entwickelt hatte, machte Petry zur erfolgreichen und mehrfach preisgekrönten Unternehmerin. Trotzdem konnte die Firma Ende 2013 ihre Rechnungen nicht mehr zahlen. Den Antrag auf Insolvenz stellte Petry nach der Bundestagswahl und nach ihrem erfolgreichen Umschwenken auf die Polit-Bühne. Das blieb nicht unbemerkt. Aus den Lagern der politischen Gegner ist mehr oder weniger deutlich von Insolvenzverschleppung zu hören. Ein privates Insolvenzverfahren steht den Petrys zudem noch ins Haus.

Inzwischen ist ein süddeutsches Investorenkonsortium in die Firma eingestiegen - die frühere Eigentümerin Petry macht als Geschäftsführerin weiter. Spannend ist, welchen Job sie nach dem 31. August dazubekommt. Ein Ministerposten wird es wohl nicht sein. Darüber wird zweieinhalb Wochen vor der Wahl in Dresden längst nicht mehr laut spekuliert. Ob es für den Vorsitz einer nagelneuen Landtagsfraktion reicht, hängt davon ab, ob die AfD-Faszination noch zweieinhalb Wochen anhält.