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| 06:19 Uhr

Von „Arsch huh“ zu „#wirsindmehr“
Chemnitz ruft zum Widerstand auf der Bühne

Die Toten Hosen und andere Bands rufen heute nach Chemnitz zum Konzert gegen Rechts udn Rassismus.
Die Toten Hosen und andere Bands rufen heute nach Chemnitz zum Konzert gegen Rechts udn Rassismus. FOTO: dpa / Sven Hoppe
Chemnitz . Schon seit einer Woche gehen in Chemnitz immer wieder Tausende Menschen auf die Straße – aus Protest gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung oder als Zeichen gegen Rassimus und Fremdenfeindlichkeit. Nun wollen prominente Musiker mit einem Konzert ein Signal gegen Rechts senden. Wie viele werden kommen?

Als Anfang der 1990er Jahre Flüchtlingsheime brannten, stellten Kölner Musiker ein Konzert auf die Beine, das quasi über Nacht zur Legende wurde. Hunderttausend Menschen folgten dem Aufruf, ihren Hintern hoch zu kriegen: „Arsch huh, Zäng ussenander“, hieß das Motto auf Kölsch (Arsch hoch, Zähne auseinander). „Wie wär es, wenn du dem Blaumann jetzt sagst, dass du Rassistensprüche gar nicht verträgst?“ dichtete Wolfgang Niedeckens Band BAP damals. Den Song stellte die Gruppe nun wieder auf ihre Internetseite – als Werbung für das Konzert unter dem Motto „#wirsindmehr“, das als Reaktion auf fremdenfeindliche Aktionen am Montag in Chemnitz stattfinden soll.

Knapp 30 000 Menschen haben sich auf Facebook als teilnehmend eingetragen, mehr als 100 000 ihr – teils auch symbolisches – Interesse bekundet. Auf der Bühne stehen politisch wie musikalisch laute Stimmen wie die Punkrockbands Die Toten Hosen und Feine Sahne Fischfilet. Auch die Rapper von K.I.Z und die Chemnitzer Indieband Kraftklub sind dabei.

Eine Gruppe steht bei manchen besonders im Fokus: Die Verfassungsschützer in Mecklenburg-Vorpommern hatten Feine Sahne Fischfilet zwischenzeitlich wegen „linksextremistischer Bestrebungen“ im Blick, woran etwa AfD-Vertreter am Wochenende erinnerten. In sozialen Medien lautete eine Frage, wie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor diesem Hintergrund für dieses Event werben könne. Ein Hinweis für das Konzert in Chemnitz wurde Ende vergangener Woche auf der Facebook-Seite des Bundespräsidenten geteilt. Die Band setzt sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus ein. Der CDU-Abgeordnete Philipp Amthor äußert auch Kritik an Steinmeier: „Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Bundespräsidenten, für Konzerte zu werben, bei denen auch linke Bands auftreten, die in ihren Texten zu Gewalt gegen Polizisten aufrufen“, sagte er der „Bild“-Zeitung.

Ziel der Veranstalter und Künstler des Konzerts in Chemnitz ist es nicht, eine Party zu feiern. Vielmehr gehe es darum, „unsere Abscheu darüber auszudrücken, dass Menschen so einen Mord instrumentalisieren, um ihren Rassismus freien Lauf zu lassen“, schreiben die Organisatoren auf Facebook. „Es geht darum, endlich mal aus dieser Schockstarre rauszukommen“, erklären Feine Sahne Fischfilet in einer Mitteilung. „Wenn am Montag da 10 000 Leute zusammenkommen und es auch nur für einen Tag schaffen, dem Rassistenmob zu zeigen, dass es da noch Leute gibt, die ihnen die Straße streitig machen, dann ist das der Hammer.“

Beginnen soll das Konzert mit einer Schweigeminute für den 35-Jährigen, dessen gewaltsamer Tod Auslöser der Vorfälle in Chemnitz wurde. Tatverdächtig sind ein Syrer und ein Iraker.

Dass prominente Künstler als politisches Statement auf die Bühne steigen, gab es in Deutschland immer mal wieder - nicht nur unter dem Motto „Arsch huh“. So etwa 1979 in Frankfurt am Main, als Rechte aufmarschieren wollten. Linke Organisatoren setzten damals auf Musik als Mobilisierungsfaktor. Zehntausende versammelten sich zum „Rock gegen Rechts“ in der Innenstadt. Bis heute finden Konzerte unter dem Motto in Frankfurt statt. Erst am vergangenen Wochenende - der Termin war lang im Voraus geplant - feierten laut Veranstaltern rund 10 000 Menschen unter dem Motto „Frieden und Solidarität“.

Auch das kleine Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern wird jährlich zur Anlaufstelle für Musik gegen Neonazis, seit sich ein zugezogenes Ehepaar damit gegen Rechtsextremisten im Ort zur Wehr zu setzen begann. Was als Mini-Event startete, zog irgendwann prominente Unterstützer wie Die Ärzte oder Fettes Brot an. Zuletzt trat dort Herbert Grönemeyer als Überraschungsgast auf.

(dpa)