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| 16:15 Uhr

CDU Sachsen
Krönungsmesse in Löbau

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU, l) überreicht dem designierten sächsischen Ministerpräsidenten und neu gewählten Landesvorsitzenden der CDU Sachsen, Michael Kretschmer, auf dem Landesparteitag der CDU  in Löbau ein Steuerrad.
Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU, l) überreicht dem designierten sächsischen Ministerpräsidenten und neu gewählten Landesvorsitzenden der CDU Sachsen, Michael Kretschmer, auf dem Landesparteitag der CDU in Löbau ein Steuerrad. FOTO: Ralf Hirschberger / dpa
Von Christine Keilholz. Michael Kretschmer ist neuer Chef der sächsischen Christdemokraten. Der 42-jährige Görlitzer übernimmt einen Landesverband, der in einer tiefen Sinnkrise steckt – und hohe Erwartungen an ihn hat. Keilholz

Falls noch jemand Zweifel hatte, worum es hier ging, der hätte bloß sehen müssen, wer alles zum Parteitag gekommen war. In der ersten Reihe saßen die Alt-Ministerpräsidenten Kurt Bieden-
kopf, nebst Gattin Ingrid, und Georg Milbradt. Beide Herren sieht man nur noch selten auf landespolitischer Bühne – am wenigsten zusammen. Aber hier ging es darum, einem Hoffnungsträger den Rücken zu stärken. Der konnte jede Unterstützung gut gebrauchen. Und es half: Michael Kretschmer ist neuer Landesvorsitzender der sächsischen CDU. Und gemessen an dem Gegenwind, der dem 42-Jährigen in den vergangenen Wochen ins Gesicht blies, fiel das Ergebnis von 90 Prozent erstaunlich gut aus. Seinem Traum, nächster sächsischer Ministerpräsident zu werden, ist er damit einen entscheidenden Schritt weiter.

Einmal mehr zeigt sich, dass sich der Landesverband doch immer wieder verlässlich um die wenigen fähigen Führungsfiguren schart, die er hat. Ob das 90-prozentige Vertrauen für den langjährigen Generalsekretär Kretschmer nun vom Aufbruchsgeist herrührt, den dieser seit Mitte Oktober unentwegt verströmt? Oder von seiner mantrahaft wiederholten Demut gegenüber dem desaströsen Ergebnis der Bundestagswahl. Oder doch daher, dass weit und breit niemand zu sehen war, der sonst noch in Frage kam für den schwierigen Chefposten. Es war wohl eine Mischung aus allem.

Auch die gezielten sanften Spitzen, die der Ex-Bundestags-
abgeordnete Kretschmer gegen die Spitze der Bundespartei und die Berliner Politik losließ, dürften ihm geholfen haben. Denn darauf legt die sächsische CDU, die sich selbstbewusst „Union“ nennt, seit jeher großen Wert: Ihr eigenes Ding zu machen. Wahlniederlagen möglichst fremdzuverbuchen, eben in Berlin, Erfolge aber auf den unbeirrten „sächsischen Weg“ zurückzuführen.

Auch wenn der junge Hoffnungsträger in Löbau zuvörderst versöhnliche Töne wählte. Er wolle nicht nur Politik für Sachsen, sondern mit den Sachsen machen, sprach er: „Das wichtigste für die Zusammenarbeit ist Vertrauen. Ohne Vertrauen ist alles nichts.“ Kretschmer will die Städte und die ländlichen Räume wieder zusammenbringen, also eine Politik machen, die beiden Teilen nützt: „Wir finden uns nicht damit ab, dass Regionen schrumpfen.“ Er will dafür werben, dass Menschen wieder zurückkommen. Gelingen soll das mit besseren Einkaufmöglichkeiten und Öffentlichem Nahverkehr, mit Breitbandausbau und einem verlässlichen Ärztenetz. Weiße Flecken dürfe es nicht mehr geben.

Kretschmer lobte das Bildungssystem und die frühkindliche Bildung im Freistaat. Bei der Lehrergewinnung müsse nachgesteuert werden, „um in jeder Klasse einen Lehrer zu haben“. Die noch nicht entschiedene Frage der Lehrerverbeamtung, die der neue Kultusminister Frank Haubitz (parteilos) aufgeworfen hatte, ließ der designierte Regierungschef weiterhin offen. Die mittelständischen Unternehmer in Sachsen feierte Kretschmer als „Helden der Wirtschaft“, die ihrer sozialen und regionalen Verantwortung in besonderer Weise gerecht werden. Große Unternehmen wie Bombardier, Opel und Siemens stellen immer öfter ihre ostdeutschen Niederlassungen zur Disposition – ein ortsverbundener Mittelstand wächst dagegen nur langsam.

Kretschmer übernimmt einen Landesverband, der in einer tiefen Sinnkrise steckt. Die CDU, die seit 27 Jahren Sachsen regiert, gewann auch 27 Jahre lang so gut wie alle Bundestagsmandate. Das änderte der 24. September 2017, als sie mit 27 Prozent hinter der AfD landete und vier Direktmandate verlor – drei an die AfD und eins an die Linken. Die nächste Landtagswahl 2019 wird nicht mehr der übliche Durchmarsch werden.

Dabei gehörte die konkurrenzlose Macht zum Identitätskern der Sachsen-CDU. Mit knapp 11 000 Mitgliedern ist der Landesverband klein im Bundesvergleich – im Osten aber eine prägende Kraft, nachdem Thüringen 2014 an ein rot-rot-grünes Bündnis fiel. Sachsens Ruf hat nach den Ausschreitungen von Freital und Heidenau gelitten. Eine neue Politik muss her. Ihm fehlen dafür „Kraft und Fortune“, erklärte ein niedergeschlagener Stanislaw Tillich nach der Wahl seinen Landräten und Bürgermeistern. In Löbau endete nun offiziell die Ära Tillich. Seit 2008 stand der 58-jährige Sorbe dem Landesverband vor. Nach neun Jahren an der Spitze blieb ihm, neben der Einsicht in eigene Fehler, die Erkenntnis, dass sich Sachsen „beeindruckende Zukunftschancen erarbeitet“ habe. Doch die Bitternis, nach 27 Jahren nur zweite Kraft bei einer Bundestagswahl geworden zu sein, bleibt vorerst der prägende Eindruck der Ära Tillich.

Nicht ganz so viel Zustimmung wie der neue Chef erhielt der neue Generalsekretär. Alexander Dirks wurde mit 83 Prozent in die Funktion gewählt, die Kretschmer unter drei Ministerpräsidenten innehatte. Der 30-jährige Landtagsabgeordnete und Chef der Jungen Union Sachsen forderte die Partei dazu auf, nicht Einzelinteressen zu vertreten, sondern „die Interessen aller Sachsen“. Überhaupt, so Dierks, müsse die Partei wieder mehr Debatten führen und aushalten.

Ob die sächsische CDU wirklich so rechts ist, wie gern behauptet wird, auf diese Diskussion will sich Kretschmer nicht einlassen. Die Sachsen, sagt er gern, sind eben erdverwachsen und heimatliebend, sie halten Familie hoch und schätzen das selbst Erarbeitete. Darauf immerhin können sich konservative und liberale Teile der Partei noch einigen.

Die drei stellvertretenden Landesvorsitzenden der CDU bleiben Sozialministerin Barbara Klepsch (87 Prozent), der Chef der Landtagsfraktion Frank Kupfer (88 Prozent) und der Görlitzer Landrat Bernd Lange (81 Prozent). Neuer Schatzmeister wurde Matthias Grahl mit 51 Prozent der Delegiertenstimmen.