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„Böhmischer Nebel“ stänkert am Erzgebirgskamm

Am Grenzübergang zwischen Deutschland und Tschechien im sächsischen Erlbach kommt es zum Beispiel zu Geruchsbelästigungen.
Am Grenzübergang zwischen Deutschland und Tschechien im sächsischen Erlbach kommt es zum Beispiel zu Geruchsbelästigungen. FOTO: Claudia Drescher (dpa-Zentralbild)
Olbernhau/Dresden. Die ersten Untersuchungen zu den Geruchsbelästigungen am Erzgebirgskamm in Sachsen sind mehr als 20 Jahre alt. Eine breit angelegte Studie soll nun endgültig den Zusammenhang zwischen üblen Gerüchen und Beschwerden klären. Ergebnisse gibt es nach Ende der ersten Messperiode noch keine.

Insbesondere im Winter stinkt es den Menschen im Erzgebirge. Ein neues Projekt names „OdCom“ soll seit Jahresbeginn herausfinden, was es mit dem sogenannten Böhmischen Nebel auf sich hat. Nach Abschluss der ersten Messperiode liegen aber noch keine Ergebnisse vor. „Derzeit werden die Laboranalysen durchgeführt“, sagte Karin Bernhardt vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG). Bei der Dresdner Behörde laufen seit 2011 alle Fäden zu der Luftbelastung zusammen, die nach Schilderung von Betroffenen an den Geruch fauler Eier erinnert. „OdCom“ – die Abkürzung steht für Objektivierung der Geruchsbeschwerden im sächsisch-tschechischen Grenzgebiet – wird bis März 2019 über EU-Gelder finanziert. Untersucht werden auf sächsischer Seite das Erzgebirge sowie das Vogtland, auf tschechischer Seite der Bezirk Ústí und Karlovy Vary. In der breit angelegten Untersuchung werden Geruchsbeschwerden dokumentiert und mithilfe neuer Messtechnik Luftschadstoffe gemessen. Zudem wollen die Wissenschaftler erstmals potenzielle Auswirkungen auf die Gesundheit erforschen. Betroffene klagen bei bestimmten Wetterlagen über Kopfschmerzen, Atemprobleme, Erbrechen oder Durchfall – und führen das auf die „Böhmische Luft“ zurück. Das LfULG hat deshalb ein Geruchstelefon und ein Onlineformular geschaltet, um die Belastungen detailliert zu erfassen. Außerdem waren während der Wintermonate auf sächsischer Seite zwölf und in Tschechien elf eigens geschulte Geruchstester unterwegs. „Sie vermerken in einem Tagebuch, wann und wo es gestunken hat und ob bei Ihnen gesundheitliche Beschwerden auftraten“, erläuterte die Sprecherin. Zudem nahmen die Probanden Luftproben. Vier der Spürnasen sind auch Mitglied in der Bürgerinitiative „Für saubere Luft im Erzgebirge“, die seit 2002 aktiv ist. „Das erste Winterhalbjahr war recht durchwachsen, im Vergleich hatten wir wenige Belastungstage“, so Sprecher Hartmut Tanneberger. Im vergangenen Jahr wurden 583 Beschwerden gemeldet, 2017 sind es bislang nur 96. Ganz anders im Winter 2014/2015: Allein das Erzgebirge kam in den beiden Jahren auf 141 beziehungsweise 157 Tage mit Geruchsbelastungen. Von September 2014 bis April 2015 gab es mehr als 1300 Beschwerden entlang der Grenze. Als Ursache der üblen Gerüche gelten inzwischen Schwefelverbindungen, sogenannte Mercaptane. Einen konkreten Verursacher konnte man bislang nicht ausfindig machen. Fest steht nur, dass die Quelle unter den Betrieben im nordböhmischen Industrierevier zu suchen ist. Zwischen dem Tal des Flusses Eger und dem Becken von Most gibt es nach „OdCom“-Angaben rund 100 berichtspflichtige Unternehmen, vorrangig der Petrochemie, die etwa 7000 Menschen beschäftigen. Mithilfe von zwei Messstationen in Deutschneudorf und Lom nahe Litvinov untersuchen die sieben deutschen und tschechischen Projektpartner, darunter die TU Dresden, die Luft auf ultrafeine Partikel, Schwefelverbindungen und eine Vielzahl weiterer chemischer Stoffe. Nach Abschluss der Laboranalyse soll laut LfULG zeitnah die Auswertung beginnen. Im November startet dann die zweite Messperiode. Bis dahin werden Vertreter der Bürgerinitiative zwei große tschechische Petrochemie-Unternehmen besuchen. „Das ist vor allem eine vertrauensbildende Maßnahme, die aber vor Jahren nicht denkbar gewesen wäre“, sagte Tanneberger. Zum einen wolle man erneut die Befindlichkeiten der Sachsen verdeutlichen, zum anderen für das Problem auf tschechischer Seite sensibilisieren. Auch dort gebe es immer mehr Menschen, die der „Böhmische Nebel“ belastet. Anders als im Freistaat gibt es dort aber bislang keine zentrale Meldestelle.