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Ausbildung
Meister findet keinen Stift

In vielen Berufsgruppen werden Lehrlinge händeringend gesucht. Kochazubis gehören dazu.
In vielen Berufsgruppen werden Lehrlinge händeringend gesucht. Kochazubis gehören dazu. FOTO: Jens Büttner / dpa
Dresden. Die klassische Lehre hat in Deutschland ein Imageproblem: Sie gilt als verstaubt und wenig aussichtsreich. Ein Problem für Ausbildungsbetriebe und für die Wirtschaft. Von Christine Keilholz

Automechaniker und Frisörin wollen nach wie vor viele 16-Jährige werden. Für die weniger attraktiven Berufe empfiehlt  die Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts dringend imageverbessernde Maßnahmen, um das Interesse der Jugendlichen wieder zu wecken. Dazu gehört mehr Werbung, aber auch mehr Lehrgeld.

Lehrlinge werden rar in Sachsen und Brandenburg. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Azubis fast halbiert. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung sah bereits 2015 beide Länder an der Spitze einer bundesweit dramatischen Entwicklung: Die duale Ausbildung droht zu verschwinden. Im Osten beträgt der Schwund fast 50 Prozent. In Sachsen wollten laut der Studie 2007 noch 39 000 Jugendliche eine Lehre anfangen – 2013 nur noch 20 000. Brandenburg bietet ein ähnliches Bild, hier wollten 2013 nur noch 8500 Bewerber eine Lehre.

Parallel zur Nachfrage schwinden auch die Lehrstellen – in beiden Ländern um rund 40 Prozent. Kleinbetriebe unter 50 Beschäftigten reduzieren ihre Ambitionen, eigenen Nachwuchs heranzuziehen. So bezeichnet sich das Handwerk in Brandenburg mit an die 40 000 Betrieben und 160 000 Erwerbstätigen zwar gern als stabile Säule der Wirtschaft des Landes. Allerdings bilden nur 3000 Handwerksbetriebe Lehrlinge aus – um die 7000.

Auch in Sachsen wird trotz boomender Wirtschaft das Ausbildungsproblem nicht kleiner. Zahlreiche Lehrstellen und Arbeitsplätze bleiben bereits unbesetzt. Mit der Ausbildung beginnt, was sich später bei der Suche nach Fachkräften fortsetzt. Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) sieht hier auch die Unternehmen in der Pflicht. Es reiche eben nicht mehr aus, nur einen Arbeitsplatz zu bieten. „Dieser muss so attraktiv sein, dass sich Beschäftigte bewusst für einen Arbeitsplatz in der Region entscheiden und nicht einen anderen Arbeitsplatz in anderen Bundesländern wählen.“

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums arbeiten derzeit in Sachsen 1,55 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte – damit 23 000 mehr als 2016. Allerdings könnten dem Arbeitsmarkt in den nächsten acht Jahren 200 000 Fachkräfte verloren gehen. Schon heute gibt es 34 000 freie Stellen.

Die klassische Lehre, sie hat auch ein Imageproblem. Dabei galt sie mal als Kernstück der deutschen Berufsbildung. Um mehr gute Schulabgänger in die Betriebe zu bringen, führte Sachsen 2013 eigens die Oberschule ein. Doch die steht auf dem Markt in Konkurrenz mit vielen anderen Bildungsangeboten.

Die meisten Schüler und Eltern halten weiterhin das Abitur für den goldenen Weg zum beruflichen Erfolg. Inzwischen macht rund die Hälfte eines Jahrgangs Abitur. An denen, die bestenfalls einen Hauptschulabschluss mitbringen, hat die Wirtschaft dagegen wenig Interesse. Wer frisch ins Berufsleben startet, hat zudem eher das vermeintlich sicherere Angestelltenverhältnis im Auge – statt der riskanten Selbstständigkeit.

Da können Wirtschaft und Bildungsbehörden noch so wortreich die die Lehre als den goldenen Weg hin zu mehr Fachkräften anpreisen.

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) lobt die duale Berufsausbildung als „Erfolgsmodell und Exportschlager“. Die Ausbildung biete eine „sehr gute Zukunft, jenseits von Campus und Hörsaal“, in dem junge Leute zudem schnell eigenes Geld verdienen können.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat im Sommer die Ausbildungs- und Prüfungsinhalte verschiedener Ausbildungsordnungen aktualisiert und angepasst. Das betrifft Berufe wie den Automobilkaufmann, den Verkäufer und Fleischer, aber auch weniger bekannte Berufe wie Bürsten- und Pinselmacher und den Klavier- und Cembalobauer.