| 02:39 Uhr

Auf dem Weg zur Ordensschwester

Johanna Adler steht vor dem Bautzener Kloster der Klarissen. Einst lebten hier mehr als 20 Nonnen, mit Johanna werden es nun wieder acht sein.
Johanna Adler steht vor dem Bautzener Kloster der Klarissen. Einst lebten hier mehr als 20 Nonnen, mit Johanna werden es nun wieder acht sein. FOTO: dpa
Bautzen. Am Pfingstmontag wird Johanna Adler bei den Bautzener Klarissen als Novizin eingekleidet. Für die 20-Jährige beginnt ein neuer Abschnitt. Miriam Schönbach

Leise Musik spielt beim Eintritt in den Franziskusgarten im Schatten des Klosters der Klarissen von der Ewigen Anbetung in Bautzen. Am kleinen Brunnen steht Johanna Adler. Ihr bleibt an diesem sonnigen Nachmittag noch eine Nacht bis zum Beginn der Exerzitien. Die fünf folgenden Tage werden geprägt sein von intensivem Gebet, Meditation und Schweigen. Und dann ist es so weit: Mit weißem Schleier wird die 20-Jährige am Pfingstmontag gemeinsam mit den Ordensschwestern, der Familie und Freunden Verlobung mit Gott feiern.

Auf den Beginn des Noviziats bereitet sich die Sächsin seit einem Jahr vor. Oft war Schwester Clara Faltermaier dabei an ihrer Seite. Die Äbtissin, die Vorsteherin des Klosters, hat für den Neuankömmling immer ein offenes Ohr, vor allem aber gibt sie Sicherheit beim Hineinwachsen in die neue Lebensweise. "Mit Johanna sinkt unser Altersdurchschnitt auf 48 Jahre. Damit gehören wir wohl in Deutschland zu den jüngeren Ordensgemeinschaften", sagt sie lächelnd.

Deutschlandweit entschieden sich nach Angaben der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) im vergangenen Jahr 58 Novizinnen für ein Leben in einer Frauengemeinschaft, 54 Novizen traten in Männerorden ein. Im Jahr davor waren es 74 Frauen und 45 Männer. "Der Trend der vergangenen Jahre zeigt eher nach unten", sagt DOK-Pressesprecher Arnulf Salmen. Die Zeit der vollen Klöster, wie in den 1950er- und 60er-Jahren, sind lange vorbei.

Auch das Bautzener Kloster gab 1950 noch über 20 Schwestern ein Zuhause. Heute leben hinter den Mauern am Stadtrand sieben Klarissen. Ihnen begegnete Johanna erstmals vor über zehn Jahren mit ihrer Erstkommunionsgruppe. "Ich weiß nicht, was passiert ist, aber diese Begegnung hat mich nicht wieder losgelassen", erinnert sich die junge Frau an den Tagesausflug. Der Glaube gehört für sie allerdings seit frühester Kindheit zum Leben. Bereits mit sieben Jahren habe für sie festgestanden, dass sie Ordensschwester werden will, schildert sie.

Mit 13 Jahren fragt eine Freundin Johanna, ob sie nicht Lust hätte, mit ihr zum Treffpunkt St. Klara nach Bautzen zu fahren. Der Gesprächskreis richtet sich an Mädchen zum Reden, Beten, Fragen und Suchen. "Am Anfang war ich der Mensch ohne Fragen. Ich habe an Antworten mitgenommen, was ich brauchte", sagt die Klosteranwärterin. Damals will sie zum ersten Mal bei den Klarissen aufgenommen werden. Zwei Jahre später wird sie wieder fragen. Drei Jahre danach steht sie abermals vor der Äbtissin.

"Die Sehnsucht war groß. Ich habe viel geweint, und sicherlich fiel es den Schwestern schwer, mich vor der Tür zu halten", erinnert sich die gebürtige Dresdnerin. Freundinnen kommentieren den Wunsch mit der Bemerkung: "Krass, Du willst ins Kloster. Es passt zu Dir." Schwester Clara schmunzelt bei diesen Geschichten. Als Oberin des Klosters hat sie immer wieder "Nein" sagen müssen.

"Der Eintritt in unsere Gemeinschaft ist eine Entscheidung für ein Leben in Klausur. Es braucht Reife. Deshalb sollte Johanna die Schule beenden, ein Studium ausprobieren und auf eigenen Beinen lernen zu stehen", sagt die Äbtissin. Denn mit dem Leben im Orden verpflichten sich die Anwärterinnen, sich arm, ehelos und gehorsam an die Gemeinschaft zu binden.

Immer wieder gibt es auch Austritte aus Klöstern, wie jüngst bei den Zisterzienserinnen in St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau. Überraschend legte dort Ende April Äbtissin Philippa Kraft ihre Ämter nieder. Sie sagte: "In meinem geistlichen Leben war das Fundament nicht mehr fest." Was hält im Orden, was führt hinaus - das sei ein dauerhaftes Thema, sagt DOK-Pressesprecher Salmen. Die Ursachen würden häufig im Persönlichen zu finden sein. Zumal viele der Schwestern und Brüder nicht hinter hohen Mauern lebten, sondern mittendrin in der Gesellschaft.

Für Johanna ist der Eintritt ins Klarissenkloster mehr als eine spontane Idee. Am 4. Juni 2016 hat ihr Postulat - das Hineinwachsen in die Gemeinschaft - begonnen. Die junge Frau steht mit Hilfe von zwei Weckern um 5.15 Uhr auf für das erste Zwiegespräch mit Gott in der Kirche. Ihr Lebensrhythmus ist wie bei allen Klarissen von Gebeten geprägt. Dazwischen warten Arbeitszeiten im Garten oder in der Küche und Unterricht.

"Wir haben den Eindruck, dass junge Menschen sich heute vor allem um des religiös-spirituellen Gemeinschaftslebens willen für den Eintritt in eine Ordensgemeinschaft interessieren. Lehrerin oder Kindergärtnerin können sie heute ohne Kloster werden", sagt Salmen. Die junge Ordensanwärterin möchte sich auf jeden Fall kein Leben mehr ohne ihre Mitschwestern vorstellen.