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| 19:35 Uhr

Umweltschützer kennen Schuldigen
Alleensterben in Brandenburg und Sachsen nimmt zu

 Stattliche Eichen säumen eine Allee  im Landkreis Oder-Spree. Leider sind solche stattlichen Baumreihen nur noch selten zu sehen.
Stattliche Eichen säumen eine Allee im Landkreis Oder-Spree. Leider sind solche stattlichen Baumreihen nur noch selten zu sehen. FOTO: dpa/dpaweb / Patrick Pleul
Cottbus. Klar, jeder mag Alleen. Trotzdem werden immer mehr Straßenbäume ersatzlos gefällt. Besonders in Sachsen werden die Bundesstraßen immer kahler. Ein ökologisches Drama. Von Christine Keilholz

Bäume, die im Weg stehen, haben es schwer. Immer schwerer haben es solche, die an Straßenrändern stehen. Sie sind am meisten gefährdet, früher oder später unter die Säge zu kommen. Das passiert oft, wenn an Bundes- und Staatsstraßen gebaut wird. Und wo ein Baum fällt, kommt selten ein neuer.

Beispiel Sachsen. Hier wurden im vergangenen Jahr 7700 Straßenbäume gefällt. Sie standen bei Bauarbeiten im Weg oder mussten weichen, weil die Straßen verbreitert wurden. Ersatz gab es kaum. Keine 500 Bäume wurden neu gepflanzt, das ergab eine Anfrage der Grünen-Landtagsfraktion. Insgesamt wurden 2018 nur fünf Prozent der gefällten Straßenbäume ersetzt. Damit sind ein weiteres Jahr in Folge in Sachsen mehr Straßenbäume verschwunden als neu gepflanzt wurden.

Kaum Ersatzpflanzungen

Es wird kahl an Sachsens Straßen. Seit 2010 sind dort laut Antwort des Verkehrsministeriums 63 000 Bäume verschwunden. Die einen beklagen das, die andern sind erleichtert. Bäume gelten schlicht als Hindernis, wo der Mensch schnell durch will. Ein ökologisches Drama spielt sich da ab.

Umweltschützer haben dafür seit Jahren einen Schuldigen im Auge. Der trägt den sperrigen Namen „Richtlinie für den passiven Schutz an Straßen“. Diese Regelung aus dem Jahr 2009 wertet den Baum an der Straße in erster Linie als Verkehrshindernis und Sicherheitsrisiko. Um das zu mindern, sollen Bäume grundsätzlich auf mindestens 7,5 Meter vom Fahrbahnrand verbannt werden. Die Richtlinie empfiehlt zwar Neupflanzungen, macht sie aber praktisch unmöglich. Denn dafür reicht der Platz an der Straße oftmals nicht aus. Es muss dafür Land zugekauft werden, was Baumaßnahmen verteuert und verzögert. Die Mühe will sich in der Praxis niemand machen, da ist der Baum ein leichtes Opfer, das nicht schreit.

Mehrere Argumente gegen den Baum

Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr in Dresden hat viele Begründungen parat, warum Neupflanzungen an der Straße in den meisten Fällen scheitern. Da ist die „hohe Sicherheitserwartung der Verkehrsteilnehmer in Verbindung mit sehr hohen Standards beim Regelwerk“, lässt das Amt wissen.

Es ist nur eines der Argumente gegen den Baum. Fahrradwege und Leitungen im Boden sind zwei weitere. Der Radweg verläuft meist da, wo vorher die Bäume standen, und zwischen den Erdleitungen sind Wurzeln ein schwer kalkulierbares Übel. Wieder für die Sicherheit.

Straßenverbreiterungen stellen ein doppeltes Problem für die Bäume am Rand dar. Wenn die Straße dann breiter ist, dann fahren die Autos schneller. Das erhöht die Unfallgefahr im Allgemeinen, und im Speziellen sind es die Bäume, die die sichtbare Gefahr darstellen, also sollen sie weg. Müssen sie oft sowieso, denn wenn der Bagger die Wurzeln angefressen hat, erholen sich die Riesen davon nur schwer. Dann ist der Baum beschädigt, was die Standsicherheit beeinträchtigt, also muss er weg.

In der Summe bedeutet das weniger Bäume an Straßen. Das werde auch so bleiben, sagt die Sprecherin des Landes-Straßenbauaumts. Immerhin, der Bestand der Alleebäume sei seit 2010 stabil geblieben.

Brandenburgs spezielle Beziehung zu Alleen

Zu Alleen hat Sachsen eine weniger emotionale Beziehung als Brandenburg, wo die charkteristischen Baumtunnel als Kulturgut weithin Akzeptanz genießen. Für die setzen sich denn auch nicht nur die Grünen im Landtag ein. Auch CDU und Linke erkundigen sich regelmäßig über den Zustand der Alleebäume beim Verkehrsministerium.

Seit die Sorge um die geliebten Alleen im Land wächst, hat sich die rot-rote Landesregierung ein ehrgeiziges Pflanzziel gesetzt. 30 Kilometer neuer Alleen sollen jedes Jahr gesetzt werden. Doch dieses Ziel hat Brandenburg seit acht Jahren nicht mehr erreicht. 2018 entstanden nur 14 Kilometer. Wofür es auch wieder eine gute Begründung gibt: Alleen seien ja nicht mehr so bedroht wie angenommen, heißt es aus dem Ministerium. Von den Alleen, für die Brandenburg schon zu Zeiten der Hohenzollern berühmt war, ist heute nur noch die Hälfte erhalten.

Wer damals mit der Kutsche fuhr, war dankbar für den Schatten der Bäume. Wer heute im SUV mit 100 Sachen von Dorf zu Dorf prescht, der will freie Sicht und freie Fahrt. Und er bekommt sie meistens.

Immerhin, bei den brandenburgischen Straßenbäumen fällt die Bilanz besser aus als in Sachsen. 2018 wurden in Brandenburg 14 000 Bäume neu gepflanzt, gefällt dagegen nur 5000.

 Stattliche Eichen säumen eine Allee im Landkreis Oder-Spree. Leider sieht man so prächtige Baumreihen nur noch selten.
Stattliche Eichen säumen eine Allee im Landkreis Oder-Spree. Leider sieht man so prächtige Baumreihen nur noch selten. FOTO: dpa/dpaweb / Patrick Pleul