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| 03:04 Uhr

Adagio mit Pirincci

Provokateur in eigener Sache: Akif Pirincci.
Provokateur in eigener Sache: Akif Pirincci. FOTO: dpa
Dresden. Und wieder ein liberales Drama: Die FDP holt den Skandalautor Akif Pirincci zur Lesung mit maximalem Empörungspotenzial. Der beleidigt Politiker querbeet durch alle Parteien und wirbt auch noch für die AfD. Christine Keilholz

Dass die liberale Wilhelm-Külz-Stiftung den Skandalautor Akif Pirincci zur Lesung bittet, war tagelang ein Aufreger in Dresden. Warum man den Autoren des Sachbuchs "Deutschland von Sinnen" geladen hatte, begründete der Verwaltungsratsvorsitzende der Stiftung, Thomas Felsner, am Donnerstagabend damit, dass man "schon öfter streitbare Autoren" habe auftreten lassen. Es lag wohl eher am Zoffpotenzial, das Pirincci mitbringt.

Im Frühjahr mischte der 55-jährige Deutsch-Türke mit seinem Buch über den "irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer" die Feuilletons auf. Nach diversen wenig erfolgreichen Krimis landete Pirincci einen Bestseller, in dem alles und jeder beschimpft wird auf eine Weise, wie es sich nur namenlose Trolle in Internetforen erlauben.

Nun also in Dresden. Das Dresdner Goethe-Institut, ursprünglich Gastgeber, hatte die Lesung kurzfristig abgestoßen. Stattdessen holte der Hotelier und FDP-Stadtrat Johannes Lohmeyer Pirincci in sein Holiday Inn. "Ich würde mir seine Ausdrucksweise auch nicht zu eigen machen", ließ Lohmeyer vorab via Facebook wissen. "Aber was er sagt, ist überwiegend richtig."

Immerhin: Volles Haus. 120 Stühle im Adagio-Saal des Holiday Inn waren besetzt. Im Publikum viel graues Haar, einige Tweed-Jackets, ganz hinten auch derbe Gestalten in Schwarz und ein paar tätowierte Hälse. Der Jüdische Frauenverein Dresden ist gekommen, verhält sich aber ruhig. Anders zwei junge Aktivistinnen, die nach einer Viertelstunde den wütenden Abgang machen.

Trotzdem: Die meisten haben an Pirinccis Ausdrucksweise ihren Spaß. Doch der kommt schnell an sein Ende. Akif Pirincci zu lesen, ist eine Herausforderung. Auch für Akif Pirincci selbst. Eine Stunde lang kämpft er sich durch sein Buch. Sein Vortrag ist stockend, die meisten Gags gehen daneben. Dann versagt auch noch das Mikrofon.

Nach einer Dreiviertelstunde versiegen die Lacher im Publikum, alle sind satt. Die Diskussion hinterher kommt nicht mehr in Gang. Moderator Michael Deutschmann sagt: "Ihr Buch wurde schon mit Hitlers ‚Mein Kampf' verglichen." Pirincci sagt: "Mein Buch ist lustiger als ‚Mein Kampf'."

Deutschmann versucht, zum liberalen Kern des Buchs vorzudringen. Pirincci sagt, Politiker seien sowieso alle Vollidioten. "Das heißt, mal sehen, was aus dieser AfD noch wird." Er sei eigentlich auch kein Sachbuchautor, sondern Romanschriftsteller. Er schreibe anders. Viel recherchiert habe er auch nicht für sein Buch, das sollen andere machen. Thilo Sarrazin zum Beispiel, "der hat so richtig Tabellen drin, das habe ich alles nicht". Da lachen nochmal ein paar.

Als sich der Autor schließlich am Ausländerthema festbeißt ("Meine Eltern kamen in den 70er-Jahren, die mussten noch richtig arbeiten. Die, die heute kommen, arbeiten nicht, bleiben aber trotzdem alle hier"), hält der Moderator alle Fragen für beantwortet und dankt den Gästen für ihr Kommen.