Der 11. Juni 2009 war der entscheidende Tag. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte die Schweinegrippe zur Pandemie und rief die höchste Alarmstufe aus. Damit begann auch in Deutschland die Vorbereitung auf die Abwehr eines neuen, damals vermutlich hochgefährlichen Virus.

Die Bundesländer orderten für etwa ein Drittel der Bevölkerung einen Impfstoff, der gegen den neuen Erreger entwickelt wurde. Nach RUNDSCHAU-Recherchen soll die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) anfangs sogar mehr als die doppelte Menge empfohlen haben. Gegen die saisonale Grippe lässt sich alljährlich etwa ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung impfen. Bei der Schweinegrippe wurde mit einem wesentlich höheren Anteil gerechnet. Doch es kam ganz anders. In Brandenburg ließen sich nur sechs Prozent impfen, in Sachsen zehn. Bundesweit ein Spitzenplatz.

Heute lagern deshalb in der Bundesrepublik insgesamt etwa 25 bis 26 Millionen Dosen unverbrauchten Schweinegrippe-Serums. Rund 1,3 Millionen davon gehören Sachsen, knapp eine Million Brandenburg. Niedersachsen, das zurzeit den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz der Länder innehat, bemüht sich, so viel wie möglich davon ins Ausland zu verkaufen. „Wir haben dabei leider noch keinen Erfolg vorzuweisen“, so Thomas Spieker, Sprecher des Ministeriums.

Die Zeit drängt, denn die Lagerfähigkeit des Serums ist auf etwa ein Jahr begrenzt. Danach muss es vernichtet werden. Auf den Kosten bleiben die Bundesländer sitzen: Rund elf Millionen Euro bleiben an Sachsen hängen und acht Millionen Euro an Brandenburg. Es hätte sogar noch teurer kommen können.

Denn Anfang 2010 reduzierten die Bundesländer nach Verhandlungen mit den Herstellern die bestellte Gesamtmenge von 50 auf 34 Millionen Serumgaben. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass nicht zweifach geimpft werden muss, wie anfangs vermutet, und dass der Krankheitsverlauf deutlich milder verlief, als anfangs vermutet.

Die Impfbereitschaft war zum Jahreswechsel auch in der Lausitz rapide gesunken. Während sich im November in manchen Praxen Impfbereite die Klinke in die Hand gaben, sagten Lausitzer schon kurz vor Weihnachten reihenweise ihre Termine ab. Die Zahl der gemeldeten Neuerkrankungen ging nach dem Jahreswechsel deutlich zurück. In ganz Brandenburg gab es im Februar nur noch 22 von insgesamt über 5400 registrierten Erkrankungen durch das Virus H1N1.

Kritik an dem teuren Impfstoffüberschuss weisen die Gesundheitsministerien von Brandenburg und Sachsen jedoch zurück. „Das Virus war hoch ansteckend“, sagt Ralph Schreiber, Sprecher des sächsischen Gesundheitsministeriums. Der Krankheitsverlauf sei zwar nicht so schwer wie befürchtet gewesen, doch unter den Toten vergleichsweise viele jüngere Menschen ohne Vorerkrankungen. „Das ist der Preis der Vorsorge“, verteidigt auch Thomas Barta, Abteilungsleiter im Brandenburger Gesundheitsministerium grundsätzlich die Impfstoffbereitstellung.

Die inzwischen begonnene Auswertung des Umgangs mit der Schweinegrippe bringt jedoch auch kritische Töne hervor. „Wir müssen den Menschen in so einer Situation vielleicht noch klarer sagen, dass wir vorher nicht wissen, wie sich so ein neues Virus entwickelt“, so Thomas Barta.

„Wir haben sachlich informiert, aber insgesamt dabei zu wenig differenziert“, sagt auch Susanne Glasmacher. Sie ist Pressesprecherin des Robert-Koch-Institutes (RKI), das im Auftrag der Bundesregierung arbeitet und für den Infektionsschutz zuständig ist.

Gleich zu Beginn der Impfkampagne hätten Diskussionen über Zusatzstoffe im Serum, die Kostenübernahme und die Ungewissheit über den Erkrankungsverlauf die Menschen verunsichert. Es habe auch anfangs keine gute Datenerfassung über die schweren Krankheitsverläufe in den Kliniken gegeben. „Wir wussten anfangs nicht, wie viele der Patienten künstlich beatmet werden mussten“, so Glasmacher. Im Mai soll eine erste große Auswertung der Erfahrungen mit der Schweinegrippe durch Fachleute veröffentlicht werden.

Amtsärzte in der Region sind mit der Schweinegrippe-Impfaktion überwiegend zufrieden. „Es ist gut gelaufen, zum Glück ist es nicht schlimmer gekommen“, sagt Christiane Glosemeyer, Gesundheitsamtschefin in Cottbus. Von Panikmache könne keine Rede sein. Auch ihre Amtskollegin aus dem Elbe-Elster-Kreis, Dr. Anne-Katrin Voigt, verteidigt die Vorsorge: „Auf die WHO muss man sich schon verlassen können.“ Wäre die Auswirkung des H1N1-Virus schlimmer und die Vorsorge geringer gewesen, hätte es riesige Vorwürfe an die Verantwortlichen gegeben. „Hinterher ist man immer schlauer“, so Voigt. „Das wird jetzt bei der Vulkanasche-Wolke genau so sein.“