Eigentlich sollten die 18 Behälter mit Atommüll schon seit fast einem Jahr im Zwischenlager Ahaus stehen. Doch der heikle Transport der 951 abgebrannten Brennelemente aus dem Forschungsreaktor Dresden-Rossendorf nach Westfalen ist ein Unterfangen mit Hindernissen. Keiner wollte den strahlenden Rest nuklearer Forschungen aus DDR-Zeiten bei sich haben. Schon wurde der abwegige Gedanke laut, die aus Sowjetproduktion stammenden Brennstäbe nach Russland zurückzutransferieren.
Im mit Gerichtsverfahren und gegenseitigen Schuldzuweisungen gespickten Polit-Poker setzte sich schließlich mit monatelanger Verzögerung Sachsen durch. Der Freistaat hatte dank vertraglicher Vereinbarungen und dem Atomgesetz im Rücken von vornherein die deutlich besseren Karten. Am Montag - mehr als sieben Jahre nach der bisher letzten Einlagerung in Ahaus im März 1998 - soll sich der erste der drei Lastwagen-Konvois schließlich auf die Strecke begeben.
Nordrhein-Westfalen hatte sich lange Zeit mit Händen und Füßen gegen die Fracht gesträubt. Innenminister Fritz Behrens (SPD) hatte vor allem die Furcht vor enormen Kosten geltend gemacht. Aus den Erfahrungen von 1998 leitete er die Notwendigkeit erheblichen Polizeischutzes ab: Damals hatten mehr als 10 000 Demonstranten in Ahaus den Castoren aus den Kernkraftwerken Gundremminungen und Neckarwestheim einen wenig gastfreundlichen Empfang bereitet.
Das Protestpotenzial ist internen Studien der Verfassungsschützer zufolge deutlich geringer geworden. "Um acht Uhr müssen die Lehrer in die Schule - dann ist die Demo vorbei", wird schon in Polizeikreisen gewitzelt. Bürgerinitiativen und Anti-Atomkraft-Bewegungen aus der Region sind resigniert ob der rot-grünen Energiepolitik. Der auf 30 Jahre angelegte Atomausstieg ist ihnen zu wenig. Die verbliebenen Gegner beharren auf ihrer Forderung nach mehr Sicherheit. Die 200 Meter lange Halle außerhalb des Städtchens Ahaus sei nicht ausreichend geschützt. Einem Flugzeugabsturz oder einem terroristischen Angriff würde das Gebäude niemals stand halten, glaubt Felix Ruwe, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Kein Atommüll in Ahaus". Das bestreiten auch die Betreiber des Brennelemente-Zwischenlagers selbst nicht. Doch stehe die Wahrscheinlichkeit einer solchen Bedrohung in k einem Verhältnis zum Nutzen der Anlage. Der harte Kern der Castor-Gegner wird sich vom Demons trieren dennoch nicht abhalten lassen. In mehreren Ländern sind die Polizisten in Alarmbereitschaft.

hintergrund Rossendorfer Reaktoren
 Die Kernreaktoren von Rossendorf bei Dresden genossen im atomaren System der DDR eine Sonderstellung . Während die Atomkraftwerke in Lubmin und Rheinsberg Strom ins Netz einspeisten und auch das geplante Kernkraftwerk Stendal für die Energieversorgung vorgesehen war, arbeiteten die Anlagen in Rossendorf allein im Dienste der Wissenschaft . Der Forschungsreaktor (RFR) stammte aus sowjetischer Serienproduktion und erreichte eine thermische Leistung von zehn Megawatt. Abgeschaltet wurde er 1991.