Für Sachsens Viertklässler war gestern ein entscheidender Tag: Die landesweit 25 970 Kinder, die im Sommer die Grundschule verlassen, erhielten von ihren Lehrern die Empfehlung für den weiteren Bildungsweg, den sie kommendes Schuljahr einschlagen sollen: Mittelschule oder Gymnasium? Während die Bildungsagenturen gestern noch auf aktuelle Zahlen aus den Schulen warteten, schien sich jedoch der Trend der vergangenen zwei Jahre fortzusetzen: Der Drang aufs Gymnasium.
Zu Beginn dieses Schuljahres waren bereits 45 Prozent der Grundschüler aufs Gymnasium und 53 Prozent an eine Mittelschule gewechselt. Damit sei der Anteil der Schüler, die sich für das Gymnasium entschieden, im Vergleich zum Vorjahr mit 44 Prozent erneut gestiegen, teilte das Statistische Landesamt mit. 2005 hatte Kultusminister Steffen Flath (CDU) den nötigen Notendurchschnitt von 2,0 auf 2,5 gelockert und damit den Weg zum Abitur weiter geöffnet.

Mehr Orientierungshilfen für junge Leute
Auf dem zweiten sächsischen Bildungskongress, der gestern in Dresden ausgerichtet wurde, betonte Flath, die demographische Katastrophe, vor der die Bevölkerung stehe, könne für die jungen Menschen auch eine "Riesenchance" sein, weil eine große Nachfrage nach Fachkräftenachwuchs bevorstehe. Allerdings hätten viele noch ein "Orientierungsproblem", welchen Berufsweg sie einschlagen wollten. Die Mittelschulen sollten daher ihre Angebote zur Berufsorientierung noch verbessern.
Für die Abiturienten schaffen die Kultusminister der drei mitteldeutschen Länder bereits Fakten. Mit der Reform der gymnasialen Oberstufe werden künftig verstärkt Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet. Während die Reform in Sachsen 2008 in Kraft treten soll, wird sie in Thüringen derzeit diskutiert und ist in Sachsen-Anhalt bereits umgesetzt. Dort gehören Mathe und Naturwissenschaften schon zu den Kernfächern, die nicht mehr abgewählt werden können. "Weil sich die Schüler die harten Fächer nicht mehr zutrauten, verfestigte sich der Hang zu Sozial- und Geisteswissenschaften”, berichtete der Magdeburger Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos). "Junge Leute haben das Gefühl, dass sie ein Ingenieurstudium nicht schaffen. Das muss uns stutzig machen." Inzwischen gebe es sogar Überkapazitäten an Hochschulen, obwohl die Wirtsch aft künftig Bedarf nach Fachkräften anmelde. Die Scheu vor den Technikfächern müsse abgebaut werden, so Olbertz.

Grundkanon der Allgemeinbildung nötig
Flath unterstützt diesen Kurs. "Die jungen Leute werden nicht begeistert sein, aber wir können sie nicht mehr vor die Wahl stellen”, sagte der Minister. Insgesamt müsse in Deutschland wieder ein technikfreundlicheres Klima herrschen. Die Schulen müssten dazu ihren Beitrag leisten. Auch in Thüringen wird das ähnlich gesehen. Es müsse einen Grundkanon der Allgemeinbildung geben, sagte der Erfurter Ressortchef Jens Goebel. Dabei dürften die Schüler nicht nur den "Weg des geringsten Widerstandes gehen”.
Die mitteldeutschen Länder wollen auf dem Bildungsforum die Standards in der Schulpolitik besser abstimmen. Flath nutzte die Gelegenheit dabei auch für einen neuen Vorstoß: Die Forderung nach einem Zentralabitur. Eine solche Vergleichbarkeit der Abiturnoten sei sehr wünschenswert, eine Umsetzung schon bis 2010 realistisch. Schon jetzt seien in der Mehrzahl der Bundesländer einheitliche Aufgaben zu einheitlichen Prüfungsterminen geschaffen worden. "Pisa war bereits der erste Zentraltest für ganz Deutschland”, so Flath.