Bürgermeister Gerhard Lemm (SPD) kann darum auch ohne Zögern versichern: Alle Kinder zwischen Null und zehn Jahren können, so es die Eltern wünschen, ganztägig in Krippen, Kitas oder Schulhorte betreut werden. Die Quote bei den Mädchen und Jungen, deren Eltern dies nutzen, beziffert er mit 30 Prozent.
Kinder hätten für ihn wie den Stadtrat parteiübergreifend erste Priorität, so Lemm. "Lieber muss eine Straße warten", versichert er. Nicht ein Schulstandort sei in Radeberg bislang dicht gemacht worden. Und selbst als der Kamenzer Kreistag eine Mittelschule schließen wollte, setzte sich die Stadt durch: "Wir haben erreicht, dass der Kreis diese aus seiner Hoheit löste und uns übertrug. Und wir haben die Schule gesichert", meint er zufrieden. Eben erst bewilligte das Stadtparlament wieder Baumaßnahmen für 1,8 Millionen Euro an einer Kita.
Man kann jetzt lange darüber fachsimpeln, ob dieser Beharrungswillen den seit Jahren steigenden Geburtenzahlen geschuldet ist, oder ob die Familien deshalb Nachwuchs planen, weil sie halt merken: Kinder sind in Radeberg gewollt. Für den Bürgermeister ist die Sache klar: Die Priorität, die die Stadt den Themen Kinder-Jugend-Bildung beimisst, äußert sich auch in den seit Jahren stabilen Bevölkerungszahlen. "Sachsen schrumpft, Radeberg jedoch nicht", freut sich Lemm. Mittlerweile hat Radeberg damit schon die Kreisstadt Kamenz überholt.
Zuweilen legen sich die Radeberger, geht es um Kinder, gar mit dem Kreistag an. Das war etwa so, als der zuständige Ausschuss "Bedarfskriterien" für Kindergärten beschloss, wonach Familien, in denen ein Elternteil arbeitslos ist, ihren Anspruch auf die Betreuung ihrer Jüngsten verwirken sollten. "Dagegen sind wir Sturm gelaufen", versichert Lemm, der selbst Kreisrat ist, außerdem SPD-Chef im Landkreis Westlausitz-Dresdner Land. Umgehend beantragten die SPD-Fraktion sowie weitere Radeberger Abgeordnete eine Kreistagssondersitzung, in der zunächst eine Reihe Experten zu dem Thema gehört wurde. "Das war so überzeugend, dass der Kreistag diese Beschluss aufhob", frohlockt er.
Denn die Radeberger sind gewarnt von den Absetzbewegungen in anderen ostsächsischen Städten - Zittau etwa. Hier, wo die Einwohnerzahl seit 1989 von 40 000 auf gut 25 000 sank, kamen 2004 gerade noch 176 Kinder zur Welt. Das Durchschnittsalter wuchs somit von 35 auf mittlerweile 46 Jahre. Und das hat gravierende Auswirkungen auf die gesamte Stadt. Denn die anhaltende Abwanderung junger Leute zieht auch eine tiefe Schleifspur in der Schullandschaft. Erst machten die Kindergärten und Grundschulen dicht, nun trifft es Mittelschulen und Gymnasien, in Kürze auch die wenigen verbliebenen Berufsschulen.
Mittlerweile steht in Zittau auch jede vierte Wohnung leer. Das bringt die Wohnungsgesellschaften in arge Bedrängnis, auch die Stadtwerke, die Verkehrbetriebe, Tankstellen, Gaststätten, Einzelhändler, Kirchen, Kulturstätten, Schwimmhalle. Und auch der Stadt selbst lasten die Wanderungsverluste schwer auf den Füßen. Weniger Einwohner bedeuten weniger Zuschüsse von oben. Und die Landesregierung verschärft oft die Lage noch, steht sie doch unter eigenem Fluktuations- und damit Kostendruck: Jährlich sinkt Sachsens Bevölkerung um 29 000 Menschen, was einen Verlust von 69 Millionen Euro an Bundeszuweisungen nach sich zieht. So schließt das Land in der einen gebeutelten Stadt ein Finanzamt, in der anderen ein Amtsgericht oder eine Behörde - und immer wieder auch Schulen, rund hundert jährlich.