Zuwachs im Freistaat

Das Jahr 2012 hat den Sachsen erhebende Erkenntnisse gebracht. Zum Beispiel die, dass wieder mehr Leute nach Sachsen kommen als wegziehen. Der "positive Wanderungssaldo" ist die zentrale gute Nachricht des Jahres. Leider hat sie einen sperrigen Namen und besteht nur aus Zahlen. Wie auch immer, Sachsen bekommt wieder Zuwachs. Und woran das liegt, erfuhr das Land im März. Da verkündete nämlich die Staatsregierung, dass die Menschen zu 63 Prozent mit der Politik zufrieden seien. Schwarz-Gelb, hatte das Institut TNS Emnid herausgefunden, hat 2011 eine gute Performance hingelegt. 67 Prozent der Sachsen finden, dass Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) seine Sache gut machte. Die Bürger würden das mit Zufriedenheit belohnen und die CDU sehr gern demnächst mit 43 Prozent wiederwählen. Wenige Stunden später allerdings meldete sich Roland Wöller (CDU) zu Wort, der arge Zweifel an der guten Performance von Schwarz-Gelb äußerte und sogleich aus Protest vom Amt des sächsischen Kultusministers zurücktrat.

Überhaupt war 2012 das Jahr der spektakulären Personalwechsel. Unvergesslich dabei der Regierungssprecher Johann-Adolf Cohausz, der im Sommer sanft in den Ruhestand glitt. Ursprünglich sollte der Ex-Diplomat aus Paderborn bis zum Ende der Legislatur 2014 für Tillich sprechen. Dann aber häuften sich Cohausz' Lapsusse - sodass der 65. Geburtstag im April ganz gelegen kam für eine saubere Lösung. Die umstrittene Medienschulung, die er noch im vergangenen Jahr bekam, hat sich damit nicht sonderlich gelohnt. Der Regierungssprecher hatte zum Tagessatz von 4500 Euro Unterricht bei einem Berliner Medientrainer genommen, um im Umgang mit Journalisten fitter zu werden. Zuletzt hatte Cohausz durch ein Werbevideo im Internet viel Spott eingefahren. Ein schräg animierter Kurzfilm, in dem Cohausz einen Globus drehte und einen Papierflieger abstürzen ließ .

Dieses Filmchen war Teil einer Groß offensive, die den Freistaat in aller Welt bekannter machen soll. Mit dieser Standortkampagne will die Staatskanzlei "eine Verbesserung der Grundhaltung zum Freistaat Sachsen" und "eine positive Erwartungshaltung gegenüber Kommunikation jeglicher Art aus Sachsen" einleiten. Dringend brauche man einen "emotionalen Eisbrecher". Sachsen sucht den Super-Spruch, sozusagen. Aber wie machen, wenn man in einem "kommunikativen Dilemma" steckt? Denkt der Außersachse an Sachsen, denkt er zuvörderst an Unschönes, fand die Studie raus: Dialekt, Rechtsradikalismus und das allgemein schlechte Image Osten. Also Provinzialität mitsamt den üblichen "negativen Assoziationen wie Intoleranz und Ablehnung gegenüber Fremdem und Neuem". Also wirklich, wer denkt denn sowas ?

Majestät motzt

Der neue Wettiner-Chef denkt das. Sachsens Herrscherdynastie saß 800 Jahre lang fest im Sattel. Ihre Oberhäupter haben sich einst standhaft mit dem Mönchlein Luther gegen den Kaiser verbündet. Sie haben möglichst schuldenfrei investiert, und wenn sie mal das Geld zum Fenster raus warfen, dann für staatstragende Klun-kern und juwelenbesetzte Tischdeko, die heute noch Menschenmassen ins Grüne Gewölbe locken. Nun aber ist das Tischtuch zwischen Volk und Fürsten zerschnitten, aber richtig.

Nach der noblen Schimpftirade des neuen Familienoberhaupts Alexander von Sachsen im Sommer gab es eigentlich keinen weiteren Klärungsbedarf. Der 59-jährige verhinderte Sachsenkönig hatte seinen verhinderten Untertanen schlechte Manieren, Sprachprobleme und Provinzlertum attestiert. Die Sachsen ihrerseits antworteten mit dem Stinkefinger: Der gnädige Herr solle doch bitteschön seinen Dreck alleene machen. Und das möglichst weit weg! Zum Beispiel in Mexiko, wo Alexander seit Langem wohnt. Im Herbst versuchte Majestät eine zarte Wiederannäherung und erklärte die unglücklichen Umstände seiner Äußerung und stellte klar: "Wenn ich kritisiert habe, dass die Leute hier zu wenig Fremdsprachen können, dann war das nur als gut gemeinte Aufforderung zu verstehen, dass sie mehr Sprachen lernen sollten." Ach so!

Dabei hat es das Sächsische immer schwerer. Mundartliche Fachbegriffe gelten unter Feinsinnigen als bedrohtes Kulturgut und werden mit allem gehätschelt, was die Förderpolitik für solche Notfälle bereithält. Im Herbst wurden die "Sächsischen Wörter des Jahres" gekürt. Mag sein, dass seitdem wieder mehr Menschen ihr "Renfdl" (die Brotecke) "didschen" (ins Getränk eintunken ).

Wölfe als promis

Arme Löffelente. Armer Baummarde r. Armes Mauswiesel. Niedlich alle drei, aber wie vernachlässigt! Gab es jemals einen medialen Aufschrei, um die Löffelente vor dem Jagdrecht zu bewahren? Nein. Hat man je gehört von einem Museum irgendwo im Freistaat, das im Rahmen eines touristischen Konzepts Baummarderkot unter Glas ausstellt? Nein. Hat mal irgendwer ein Monitoring-Programm für das Mauswiesel gefordert, inklusive Kamerafallen und Mauswiesel-Büro mit zwei festangestellten Experten? Nein.

All das ist dem Promi unter den Wildtieren vorbehalten, von denen es in Sachsen nur einen gibt, nämlich den Wolf. Der kann sich freuen, denn nachdem das schwarz-gelbe Jagdgesetz nun durch ist, muss er nicht mehr die Schnauze für Mediendebatten hinhalten, sondern kann in der Lausitz und demnächst überall endlich in Ruhe sein Ding machen.

Die Gesetze, die Staatsregierung und Landtag in Dresden den lieben langen Tag so entwerfen, freigeben, anhören und debattieren, sind für den Endverbraucher meist so interessant wie ein Sack Reis in China. Anders das Jagdgesetz, das nun endlich regeln sollte, wer für den Wolf verantwortlich ist. Bei allem, was mit dem Wolf zu tun hat, kochen in Sachsen die Emotionen. Experten meldeten sich und erklärten, warum der Wolf gefährlich sei. Das Umweltministerium brachte Broschüren heraus, um zu erklären, dass der Wolf auch nur ein Tier sei. Bei der Abstimmung des Gesetzes marschierten im Landtag uniformierte Jäger auf, um ihren Unmut kundzutun. Geholfen hat das nichts. Sachsens umstrittenes Raubtier darf trotzdem nicht geschossen werden. Ihm selbst dürfte der Trubel egal sein, er sitzt im Wald und lacht sich eins .

Oper als Theater

Die Dresdner lieben Theater und sie streiten sich gern. Nach Brückenstreit und dem alljährlichen Februar-Zoff hat die Landeshauptstadt in diesem Sommer einen neuen Aufreger dazubekommen. Schuld an allem ist die Elbe. Weil die vor zehn Jahren die Stadt flutete, lief Hochwasser rund um den August auf allen Kanälen. Es gab Hochwasser-Debatten, Hochwasser-Konferenzen und sogar eine Hochwasser-Oper. Deren Sinn und Zweck sollte sein, das Wirken der unbändigen Naturgewalten mal ganz anders an den Mann zu bringen.

Dennoch teilte die in der Elbe uraufgeführte erste Unterwasser-Oper der Welt die Dresdner erneut in Nein-Sager und Ja-aber-Sager. Manche meinten, dass die Dresdner Kultur nun vollends absaufe. Andere meinten, der Fluss sei für sowas leider zu breit, zu dunkel und zu suppig. Die große Partei der stillen Dresdner wunderte sich nur über so viel Geblubber.

Freibeuter werfen Haken

Die Piraten machen sich auf zum Entern. Die Invasion in den Landtag scheiterte allerdings bislang. Im Hohen Haus wurden die Polit-Freibeuter erfolgreich abgewehrt, dank der Hausordnung, die keine Laptops auf der Besuchertribüne zulässt. Im Rückzugsgefecht wetterten die Piraten gegen die technikfeindlichen Zustände. Und das im Innovationsland Sachsen.