Diese "Welle" hat erst zur Schließung von vielen Kindertagesstätten geführt, dann dazu, dass Lehrer nur noch 57 Prozent Gehalt und Arbeitszeit haben und erreicht demnächst als Bewerbermangel Betriebe und Hochschulen. Ganz nebenbei stehen 400 000 Wohnungen im Freistaat leer.
In Ostdeutschland zeige sich schon jetzt, was den Westen erst mit einer Verzögerung von zehn bis 15 Jahren erreichen werde, sagte der CDU-Politiker gestern bei einem Kongress in Berlin. Bevölkerungsschwund, Abwanderung in die Zentren und Überalterung. Dabei gebe es zwar lokal gegenläufige Phänomene, aber die Gesamttendenz sei unumkehrbar. "Kinder können nicht mehr nachgeboren werden."
Sachsen, das 1950 noch 5,7 Millionen Einwohner zählte, hat aktuell nur noch 4,3 Millionen und wird in 15 Jahren bei 3,7 Millionen liegen. Alle Planungen, schilderte Milbradt, seien nach der Wiedervereinigung von fünf Millionen Landeskindern ausgegangen. Seit 2000 steuere man nun um, als erstes Bundesland. Die Wohnungsbauförderung zum Beispiel wurde ganz abgeschafft. Die anderen Länder und der Bund hätten das Thema zwar erkannt, doch reagierten sie noch zu langsam. Das Programm zum Wohnungsrückbau etwa müsse verdoppelt werden. Sonst drohe der Immobilienmarkt zusammenzubrechen.

Wandel dominiert den Alltag
Milbradts Schilderung belegte, wie sehr der demografische Wandel den Alltag der Politik bereits jetzt dominieren kann. Das wird nach Überzeugung von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) bald bundesweit so sein. Selbst bei Annahme günstiger Faktoren werde Deutschland 2050 fünf Millionen Einwohner weniger haben als heute. "Das Thema ist für unser Land von höchster Bedeutung."
Bei der notwendigen Anpassung der Infrastruktur läuft Tiefensees Antwort darauf hinaus, die regionalen Zentren zu stärken. Die Programme "Soziale Stadt" und "Stadtumbau Ost" wurden finanziell bereits aufgestockt. Auf der anderen Seite will der Bauminister erreichen, dass auch leerlaufende ländliche Gebiete mit Verkehrsmitteln und rollenden Rathäusern angebunden bleiben. Meinungsunterschiede zeigten sich in der Schulpolitik. Während Tiefensee fand, dass auch auf dem Land ortsnah Grundschulangebote gemacht werden müssten, zur Not nach dem Vorbild früherer Zwergschulen, sagte Milbradt, schulische Qualität rangiere vor Wohnortnähe. Qualität könne man nicht in jedem Dorf bieten, sondern nur zentral.

Fachkräfte-Mangel droht
Die sich abzeichnenden Probleme am Arbeitsmarkt, wo schon bald Mangel an qualifizierten Kräften herrschen wird, führen zu erheblichen gesellschaftlichen Veränderungen, die die Redner auf dem Kongress aber eher als Chance sahen. Die Erfahrungen älterer Menschen könnten und müssten stärker genutzt werden, ebenso das Potenzial der Frauen. Die dritte Säule sei schließlich die bessere Integration der Migrantenkinder, um auch sie zu qualifizieren. "Wir brauchen einen Wandel im Denken", sagte der Staatssekretär im Familienministerium, Hermann Kues (CDU), auch an die Adresse seiner eigenen Partei. Laut Kues will Deutschland den demografischen Wandel während seiner EU-Präsidentschaft zum Schwerpunktthema machen. Denn auch andere sind betroffen. In Italien und Spanien etwa liegt die Geburtenrate pro Frau noch unter den 1,4 Geburten, die in Deutschland registriert werden. Das Problem, sagte Milbradt, sei aber die "Ungleichzeitigkeit der Bewusstseinslage". Dort, wo die Folgen noch nicht spürbar seien, stehe der Bevölkerungsschwund nicht im Mittelpunkt. "Demografie", sagte Milbradt, "ist wie Ökologie. Wenn man es merkt, ist es zu spät."