"In Tschetschenien ist eine legitime Volksvertretung gewählt worden", sagte Präsident Wladimir Putin und legte nahe, dass Moskau sich damit aus dem seit 1994 andauernden Konflikt zurückziehen könnte. Doch von einem Ende der Gewalt sind Tschetschenien und seine Nachbarn entfernt.
Eine Delegation des Europarates versuchte, bei aller Kritik die wenigen Lichtblicke der Abstimmung zu suchen. Der Schweizer Abgeordnete Andreas Gross berichtete in Grosny, er habe mit drei Frauen gesprochen. In deren Familien seien vor kurzem Angehörige verschleppt worden, doch sie seien trotz ihrer Einschüchterung zur Wahl gegangen. "Die Menschen wollten wählen, sie haben für ein Parlament gestimmt, weil sie sich davon Hilfe versprechen", sagte Gross. Moskau ist stolz darauf, den Konflikt in Tschetschenien wieder in örtliche Hände gelegt zu haben. Dort wird auf absehbare Zeit der brutale junge Clanführer Ramsan Kadyrow herrschen. Denn Kadyrow, nominell nur Vizeregierungschef, hat eigentlich die Macht im Lande. Er behandelt das Gebiet als private Pfründe wie 2000 Kilometer weiter östlich die afghanischen Warlords ihre Kriegsfürstentümer. Hinter derzeit scheinbarer Ruhe in Tschetschenien steckt eine perfide Taktik. Wie sein 2004 ermordeter Vater Achmat nimmt Kadyrow die Familien von Rebellen als Geiseln und zwingt diese, den Kampf in den Bergen aufzugeben. Viele kämpfen in Kadyrows Reihen weiter. Das Problem ist, dass Moskau den jungen Tschetschenenführer mit seiner Streitmacht fast nicht kontrollieren kann. Es frage sich, wer bei diesem Regime eigentlich die Marionetten seien, schrieb die russische Kaukasus-Kennerin Julia Latynina. Im Falle eines Streits mit Moskau würden Kadyrows Kämpfer als nächste Generation von Rebellen in die Berge gehen.
Über Tschetschenien hinaus hat der Konflikt andere Regionen erfasst. Die islamistischen Extremisten schlugen in Dagestan, Inguschetien, Nordossetien und Kabardino-Balkarien zu. Für diese Gewalt ist durchaus nicht nur der internationale Terrorismus verantwortlich, wie Putin es sieht. Sein eigener Beauftragter für die Region, Dmitri Kosak, sieht die Armut und Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung sowie die Korruption der örtlichen Führungen als wichtigste Gründe.