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Russlands ewige Siegesfeier

Moskau. Bei der traditionellen Parade in Moskau zogen Soldaten mit Kriegsgerät über den Roten Platz. Das Wetter spielte diesmal nicht mit. Klaus-Helge Donath

Richtige Feierlaune wollte in Moskau am Dienstag nicht aufkommen. Am 9. Mai begeht Russland den wichtigsten Feiertag des Jahres, den Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus. Zum 72. Mal jährte sich der Triumph.

Seit Wladimir Putin in Moskau den Lauf der Geschichte organisiert, ist die Bedeutung des Sieges Dreh- und Angelpunkt zur Erklärung jeder Lebenslage. Der 9. Mai ist jedoch meist auch ein Frühlingstag mit ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Früher zumindest, am Dienstag bewegte sich die Temperatur um die null Grad. So kalt wie seit 1918 nicht mehr.

Mit 54 Minuten fiel daher auch die Parade kürzer aus als sonst. Schuld waren die Geschwader des Meteorologischen Dienstes, der versprochen hatte, den Himmel aufzuklaren. 500 Millionen Rubel erhalten die Meteorologen im Jahr für den Bereitschaftsdienst.

Am Morgen war indes schon klar, dass sie nichts ausrichten konnten. Für den Kreml war das eine Niederlage. Taktisch wie auch strategisch. Weder gelang es, den Winter kurzfristig zu verjagen noch die Natur zu besiegen.

Diktator Josif Stalin hatte sich nie eine vergleichbare Blöße gegeben. Der Generalissimus hätte immer für Sonnenschein gesorgt, schmunzelte ein älterer Teilnehmer.

Eine jüngere Umfrage des unabhängigen Lewada-Instituts hatte überdies ermittelt, dass Themen wie Vergangenheit und Geschichte sowie Patriotismus drei Jahre nach der Annexion der Krim an Zugkraft verlören. Auch die ältere Generation zeigt Ermüdungserscheinungen.

Ein Novum aus russischen Waffenschmieden stellte die für solche Witterungsverhältnisse geschaffene "arktische Technik" dar, die Moskau über den Roten Platz auf Jungfernfahrt schickte. Schnittige, blitzendweiße Raketenträger TOR-M2DT mit dem Schneeleopard an der Stirn als Maskottchen und eine Generation neuer Panzer, die sich durch extreme Geländetauglichkeit auszeichnen soll. Die Luftwaffe blieb bei einer Sichtweite von 150 Metern unterdessen am Boden. Vor allem Piloten aus dem Syrienkrieg sollten zum Einsatz kommen. Die waren auf die Wetterverhältnisse in der Heimat scheinbar nicht richtig vorbereitet.

Nicht ganz so glatt verlief auch die Feier in St. Petersburg. Dort schien zwar die Sonne, und die Luftwaffe konnte aufsteigen. Stattdessen tauchten aber mehrere Schiffe nicht auf, die für die Parade fest eingeplant waren. "Mit Auftrag unterwegs", teilte die russische Ostsee-Flotte lediglich mit. Die Boote sind dem US-Zerstörer Carney auf der Spur, der zurzeit vor den Küsten Lettlands und Polens kreuzt. Carney kam für propagandistische Zwecke wie gerufen.

Das Vaterland ist jedoch auf der Hut. Schön wäre es, wenn das Klima auch mitspielen würde.

Zum Thema:
Mit einem Aufruf zum gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus hat der russische Präsident Wladimir Putin in Moskau die Parade zum Tag des Sieges über Hitler-Deutschland abgenommen. "Für einen effektiven Kampf gegen Terrorismus, Ex tremismus, Neonazismus und andere Bedrohungen muss die internationale Gemeinschaft ihre Kräfte vereinen", sagte Putin am Dienstag vor Tausenden Soldaten. Zugleich betonte er, Russland müsse seine Streitkräfte stärken und den Patriotismus fördern. Auch in Dutzenden anderen russischen Großstädten sowie in mehreren Ex-Sowjetrepubliken wurde der 72. Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands im Zweiten Weltkrieg begangen. Bei der traditionellen Parade in Moskau zogen mehr als 10 000 Soldaten und rund 100 Einheiten Kriegsgerät über den Roten Platz. Der Tag des Sieges ist einer der wichtigsten russischen Feiertage.