Die Ankündigung kam fast zeitgleich mit der Ankunft des französischen EU-Vorsitzenden Nicolas Sarkozy in Moskau: Russlands Präsident Dmitri Medwedew erklärte den Militäreinsatz in Georgien für beendet. Aber erst nach mehrstündigen Verhandlungen mit dem Gast aus Paris zeigte sich der russische Staatschef dann auch bereit, einem Rückzug der tief in georgischem Gebiet stehenden russischen Armee zuzustimmen. Er kann es sich leisten: Langfristig dürfte Russland als Gewinner da stehen.
Sechs Punkte umfasst der Plan, auf den sich Medwedew und Sarkozy gestern einigten. Demnach verpflichten sich die Konfliktparteien, auf jegliche Gewalt zu verzichten, die Feindseligkeiten "auf endgültige Weise" einzustellen und freien Zugang für Hilfe für die Zivilbevölkerung zu garantieren. Die georgische Armee muss an ihre üblichen Stationierungsorte zurückkehren und die russischen Streitkräfte auf die Positionen vor Beginn der Kämpfe am vergangenen Freitag. Der sechste Punkt sieht internationale Verhandlungen über die Zukunft der abtrünnigen georgischen Regionen Abchasien und Südossetien vor.

Heiße Phase vorbei
Damit ist die heiße Phase des Konflikts nun womöglich vorbei, auch wenn das bedrängte Georgien dem Plan noch zustimmen musste. Doch die Verhandlungen über die Zukunft des Landes dürften noch schwierig werden. Russland sieht sich offenbar in einer starken Position. Das zeigt auch die gestern zunächst gestellte Forderung nach einem Rücktritt des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili.
Dass Russlands Einlenken etwas mit der Vermittlung Sarkozys zu tun hat, glaubt Jonathan Eyal, Leiter des Londoner Zentrums für Militärforschung, nicht. Moskau habe sein Ziel erreicht, das georgische Militär entscheidend zu schwächen, sagte er. "Es ging darum, Georgien zu demütigen" - auch "als Mittel der Abschreckung" für andere Staaten in seinem Einflussbereich. Der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-russische Zusammenarbeit, Andreas Schockenhoff, sah im harten Vorgehen in Georgien zudem "eine Art Quittung" für die Anerkennung eines unabhängigen Kosovos durch den Westen.
Im Raum steht nun die Frage, ob die EU eine Friedenstruppe in der konfliktgeladenen Region stellen soll. Sarkozy versicherte in Moskau, Europa sei dazu bereit. Über das weitere Vorgehen beraten heute die EU-Außenminister in Brüssel.
Aber anders als von Sarkozy dargestellt, hat Europa in den vergangenen Tagen nicht gerade ein Bild der Einheit geboten. Während Polen und die einst zur Sowjetunion gehörenden baltischen Staaten eine deutliche Verurteilung Russlands verlangten, warnten Italien und Belgien vor einer "anti-russischen" Koalition in Europa.
Derweil verstärkt Georgiens Vorgehen in Südossetien laut Experten auch im Westen Zweifel, ob das Land in die Nato aufgenommen werden kann. "Wenn ein Nato-Mitgliedsland beginnen würde, eine ähnliche Politik wie Georgien zu führen, wäre das für die Organisation fatal", sagte Bruno Coppieters von der Freien Universität Brüssel.

Frage der Nato-Erweiterung
Italiens Außenminister Franco Frattini wirbt bereits dafür, die Frage auf die lange Bank zuschieben: "Die Erweiterung der Nato muss jetzt verschoben werden", sagte er. Für Belgiens Außenminister Karel De Gucht wird nun "immer klarer", dass Russland auch einen Nato-Beitritt der ehemaligen Sowjetrepublik Ukraine niemals akzeptieren werde.
Mehr Informationen zum
Kaukasus-Konflikt: www.lr-online.de/kaukasus

Zum Thema Mindestens 100 000 Flüchtlinge
 Vor den blutigen Auseinandersetzungen im Kaukasus sind mindestens 100 000 Menschen auf der Flucht. Das Leid der Vertriebenen, die meist auf ungesicherten Wegen und ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser unterwegs sind, hat Hilfsorganisationen zu umfangreichen Soforthilfen veranlasst. Unterdessen wächst in der georgischen Hauptstadt Tiflis die Sorge über den anhaltenden Zustrom der Vertriebenen. "Die Zahl der Menschen, die Hilfe benötigen, steigt stündlich", sagte die für Georgien zuständige Direktorin des UN-Welternährungsprogramm, Lola Castro, gestern. Mehrere Tausend Menschen hätten sich aus den umkämpften Provinzen Südossetien und Abchasien nach Tiflis durchgeschlagen. "Wir haben heute Nahrungsmittel für bis zu 4500 Menschen verteilt, die vertrieben wurden", sagte Castro. Die am stärksten umkämpfte georgische Stadt Gori sei bald menschenleer , meldete das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge. Die größte Summe an Soforthilfe , insgesamt rund fünf Millionen Euro, hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz bekanntgegeben. Mit dem Geld solle medizinische Versorgung für Verletzte und Flüchtlinge finanziert werden.