" Der Chef der Nationalen Wahlkommission in Moskau, Wladimir Tschurow, lässt keinen Zweifel daran, dass er treu zum Präsidenten hält - seinem alten Vertrauten, der am Sonntag aller Voraussicht nach seine Partei Einiges Russland bei der Duma-Wahl zum Sieg führen wird.
In seinem Büro in Moskau preist Tschurow die neuen Wahlzettel ohne Umschlag, die sich nach der Wahl schneller auszählen ließen, und die Beschaffenheit der Urnen - nicht ganz durchsichtig, damit das Wahlgeheimnis gewahrt bleibe. Er berichtet von 95 000 Wahllokalen und drei Millionen russischen Beobachtern. „Wir beobachten genau die Erfahrungen im Ausland mit Wahlen, die positiven und die negativen Aspekte“ , sagt Tschurow, ein kräftiger 54-Jähriger mit kleinen grauen Augen, die hinter einer dicken Brille verschwinden. Im März löste er Alexander Weschnjakow ab, der das neue Wahlgesetz als zu kremlfreundlich kritisiert hatte.

Keine Kritik
Solche Kritik ist von Tschurow nicht zu hören. Im Gegenteil - zu seinem "Gesetz", wie er es nennt, dass Putin immer Recht habe, hat er sich in vielen Interviews bekannt. "Aber ich fügte hinzu, dass das so ist, weil er nie das Gesetz verletzte", präzisiert Tschurow auf Nachfrage. Das sei ihm "sehr wichtig". Wie so viele andere in Moskau gehört Tschurow zum Kreis der einstigen Mitarbeiter eines gewissen Wladimir Wladimirowitsch Putin in der Stadtverwaltung von St. Petersburg, von denen viele in die Hauptstadt kamen, als jener Präsident wurde.
Die internationale Kritik an den Wahlvorbereitungen in Russland weist Tschurow, früher Abgeordneter der Duma, ausnahmslos zurück. Wirft der Europarat nicht der Putin-Partei vor, die Medien zu beherrschen und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren„ "Einiges Russland nimmt weniger Platz in Anspruch als alle anderen Parteien", entgegnet er. "Viele machen den Fehler, die Auftritte von Kandidaten mit hohen Staatsämtern zu registrieren, zum Beispiel des Präsidenten, dabei spricht er nicht als Kandidat sondern als Präsident."
Und die Wahlbeobachter der OSZE, die ihre Mission aus Protest abgesagt haben: Sind sie nicht zu spät eingeladen worden“ "Die Delegationen der ausländischen Beobachter wurden nach unserem Kalender im voraus informiert", sagt der Wahlleiter ungerührt und zeigt die Einladungen. Warum boykottiert Einiges Russland die Fernsehdebatten der Kandidaten? "Das ist vom Gesetz her statthaft", sagt der Wahlleiter.

Passion für Napoleon
Bis spät in die Nacht sitze das Arbeitstier Tschurow in diesen Tagen im Büro, sagen seine Mitarbeiter, die sichtlich unter Schlafmangel leiden. Der Mann mit der Passion für den Feldherrn Napoleon ist der erste Wahlleiter ohne juristische Ausbildung. Mit Wahlbeobachtungen hat er trotzdem schon viel Erfahrung. Dabei interessiert sich Tschurow vor allem für Wahlen in Staaten wie Serbien, der Ukraine oder in den palästinensischen Autonomiegebieten - also besonders für "Länder, in denen die Lage kompliziert ist".

Zum Thema Schröder kritisiert Merkels Russlandpolitik
Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat die indirekte Kritik an der Russlandpolitik seiner Nachfolgerin Angela Merkel (CDU) erneuert. Er habe manchmal den Eindruck, dass "die Zeiten des Kalten Krieges zurückkehren", sagte Schröder gestern Abend in Stuttgart. Manche träten "für eine Distanzierung, ja eine Gegnerschaft zu Russland " ein. "Ich halte diesen Weg für falsch, wenn nicht gar für gefährlich." Auf die Frage, ob er mit dieser Kritik auch Merkel meine, sagte Schröder: "To whom it may concern." (Wen immer es betreffen möge.)