Dass es dem osteuropäischen Film gut geht, ist ihm auch anzusehen. Die quälende Selbstsuche vor den extremen gesellschaftlichen Verwerfungen scheint abgeschlossen. Die sozialen und politischen Hintergründe sind nach wie vor zu sehen, aber sie werden längst eingebettet in solide gemachte, auf breite Zuschauerschichten ausgerichtete Filme. Das können Thriller sein wie „Das russische Dreieck“ (Russkij Treugolnik) aus Georgien, der Folgen des Tschetschenien-Kriegs thematisiert oder Antikriegsfilme wie „Die Lebenden und die Toten“ (≥ivi i Mrtvi) aus Kroatien, Bosnien und Herzegowina. Oder es sind universelle Geschichten wie in dem polnischen Wettbewerbsfilm „Kleine Tricks“ (Sztuczki), wo ein kleiner Junge seinen Vater sucht.
Den mit 15 000 Euro dotierten Hauptpreis gewonnen hat „Die Untersuchung“ (Rassledvane) der bulgarischen Regisseurin Iglika Trifonowa. Das psychologische Kammerspiel, in dem eine Kommissarin und ein Mordangeklagter sich letztlich geistig und seelisch annähern, galt unter Kritikern ohnehin als Geheimfavorit. Rossitsa Valkanova, die Produzentin des Films, nahm den Preis am Samstagabend für den, wie sie einräumte „nicht ganz einfachen Film“ entgegen.
Die von Christian Matthée charmant moderierte Preisverleihung aber wurde eindeutig dominiert von Wera Storoschewas „Reise mit Haustieren“ (Puteschestvije s Do maschnimi) aus Russland. Der poetische Film über eine junge Witwe, die das Leben entdeckt, gewann allein fünf der 13 Preise, einschließlich des Spezialpreises der Jury, der mit 7500 Euro dotiert ist. Auch völlig zu Recht ging der Spezialpreis für eine künstlerisch herausragende Einzelleistung an Ksenija Kupetowa, die Hauptdarstellerin von „Reise mit Haustieren“ . Es war die erste Filmrolle für die Moskauer Theaterschauspielerin, die zu den tollen Entdeckungen des Festivals zählt.
Den von der RUNDSCHAU gestifteten und mit 3000 Euro dotierten Publikumspreis erhielt - ebenfalls nicht unerwartet - „Leergut“ (Vratné Lahve) des tschechischen Regisseurs Jan Sverak, der ein guter Bekannter des Festivals ist und der 1996 für seinen Streifen „Kolya“ den Oscar für den besten fremdsprachigen Film bekommen hat. Auch hier ist ein Rekord zu melden: Über 10 000 Stimmen sind bei der Zuschauerwahl in diesem Jahr abgegeben worden. „Leergut“ , eine feine Komödie über das Älterwerden, lief gestern noch einmal beim Publikumstag des Fes tivals in der Stadthalle. Wer ihn verpasst hat, kann sich auf den 28. Januar freuen, dann kommt dieser Film in die deutschen Kinos.
Ein Filmstart in Deutschland soll auch „Pure Coolness - Morgentau“ (Bos Salkyn) des Kirgisen Ernest Abdyschaparow ermöglicht werden - und zwar mit dem „Cottbus ins Kino - Preis zur Förderung des Verleihs eines Festivalfilms“ . Wer die Bücher von Tschingis Aitmatow liebt, wird auch an diesem Film über ein Mädchen aus der Stadt, das in einem Dorf als falsche Braut entführt wird, großen Gefallen finden.
Der Kurzspielfilm hat es ja generell nicht ganz einfach im Kino, in Cottbus aber ist die Lange Nacht der Kurzspielfilme schon lange Kult - auch in diesem Jahr war das Kino "Weltspiegel" wieder brechend voll. Der Hauptpreis ging an den polnischen Beitrag „Porno“ von Jan Wagner, der einen pubertären Jungen die Liebe entdecken lässt. Der Spezialpreis wurde an „Menschen aus Stein“ (Ljudi is Kamnja) von Leonid Rybakow aus Russland verliehen. Er erzählt auf satirische Weise, was es für fatale Folgen hat, wenn es zu Paraden auf dem Roten Platz in Moskau nicht regnen darf.
Im Fokus des Festivals standen die Nachfolgestaaten Jugoslawiens und ihre Adria-Anrainer. „Estrellita“ von Metod Pevec aus Slowenien wurde mit dem Dialog-Preis ausgezeichnet, der serbische Krimi „Klopka - Die Falle“ bekam den Cottbus Discovery Award. Letzterer Film hatte beim Ost-West-Produktionsmarkt Connecting Cottbus innerhalb des Festivals deutsche Koproduzenten gefunden und ist mittlerweile auch bundesweit in die Kinos gelangt. In diesem Jahr ist bei Connecting Cottbus erstmals der CoCo Best Pitch Award verliehen worden. Dieser Preis für die beste Projekt-Präsentation ging an die serbische Autorin und Regisseurin Andrijana Stojkovic für „The Box“ .
Insgesamt 80 Filme aus 25 Ländern waren beim Fes tival seit dem vergangen Dienstag zu sehen. Sie wurden eingerahmt von zwei ausgesprochen guten deutschen Filmen zur Eröffnung und zum Abschluss: „Frei nach Plan“ , ein Familiendrama von Franziska Meletzky, und Marc Meyers „Wir sagen Du! Schatz“ . Meyer hatte eine grandiose Grundidee: Er stellt uns einen Mann vor, der sich eine Familie zurechtkidnappt: Frau, drei Kinder, Oma, Opa, Hund. Mit denen mauert er sich in einer leerstehenden Hochhauswohnung ein und exerziert Familienglück - eine völlig abgefahrene Nummer, die letztlich nicht funktionieren kann. Was der Regisseur in dieser in nur 21 Tagen gedrehten Low-Budget-Produktion für Mehrfachbödigkeiten eingebaut hat, ist beachtlich.
Der am Samstag in der Stadthalle völlig überraschte Marc Meyer erhält für seinen Film den Förderpreis der Defa-Stiftung, der ihm bei der kommenden Berlinale überreicht wird. Der Regisseur und die Darsteller Samuel Finzi, Nina Kronjäger, Harald Warmbrunn und Margot Nagel waren sichtlich angetan von der begeisterten Reaktion des Cottbuser Publikums.