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Russisch auf dem Rückzug

Bei offiziellen Anlässen gibt's sogar Namensschilder in kyrillischen Buchstaben – hier für den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU).
Bei offiziellen Anlässen gibt's sogar Namensschilder in kyrillischen Buchstaben – hier für den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU). FOTO: dpa
Moskau. Die Bedeutung der Sprache im postsowjetischen Raum nimmt ab. Als Verkehrssprache hat Russisch aber noch lange nicht ausgedient. Klaus-Helge Donath

Das Russische erzielt auf den ersten Blick wieder Geländegewinne. In Syrien führte Präsident Baschar al-Asad vor Kurzem Russisch als zweite Sprache an den Gymnasien ein. Seine Kinder lernen laut der russischen Agentur Tass ohnehin schon die Sprache des Verbündeten.

Mit Sprache und Militärs kommen auch neue Namen ins Land. Besonders beliebt sei bei syrischen Eltern der Name des Kremlchefs. Putin wurde in Damaskus zum Vornamen. Zeitgleich hat Euromonitor International eine Studie über die Bedeutung des Russischen im postsowjetischen Raum veröffentlicht. Demnach büßte Russisch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in den vergangenen 20 Jahren deutlich an Popularität ein. Einer der Gründe ist der Selbstbehauptungswille der jungen Staaten. Ob im Baltikum, Kaukasus oder in Zentralasien, die eigene Sprache gilt als Merkmal der Souveränität.

Auch Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew meldete sich zu Wort. Der zentralasiatische Staat, mit 7000 Kilometern gemeinsamer Grenze zu Russland, plant, bis 2025 eine Schriftreform durchzuführen. Nasarbajew will vom Kyrillischen aufs Lateinische umsatteln. Der Kasache ist weder Visionär noch mutiger Reformer. Ein Schriftwechsel war schon lange geplant.

Die turksprachigen Nachbarstaaten, darunter das kaukasische Aserbaidschan sowie Usbekistan und Turkmenistan in Zentralasien, gingen schon bald nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 zum Lateinischen über. Auch die Türkei bedient sich seit der Gründung der Republik 1923 lateinischer Schriftzeichen. Sprachwissenschaftler und Turkologen halten das Alphabet für geeigneter, um die Lautvielfalt der Turksprachen zu erfassen. Darum liebäugeln auch türkischstämmige Völker im russischen Nordkaukasus damit. Nur Tadschikistan und Kirgistan halten noch an der "Kyrilliza" fest.

Moskau tat so, als habe es den Abfall des Kasachen nicht bemerkt. Nasarbajew stand Russland näher als andere zentralasiatische Potentaten. Die Gewichte haben sich seit der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 und dem Krieg in der Ostukraine verlagert. Moskau nahm die vermeintliche Benachteiligung des Russischen zum Anlass, im Nachbarland einzugreifen. Kasachstan war alarmiert, schon wegen der Minderheit von 3,5 Millionen Russen im eigenen Land. Auch die russische Wirtschaftskrise zog Astana in den Sog.

Bisher findet die Abkehr vom Russischen nur verschämt statt. Das ideologische Gebilde der "russkij mir" - der "russischen Welt" - jagt den Nachbarn Angst ein: Wer Russisch spricht, ist Russe und Teil der russischen Welt. Damit begründete Moskau, dass es auch russisch Sprechende außerhalb des eigenen Staatsgebietes verteidigen könnte.

Laut Euromonitor ist der Anteil der russischen Muttersprachler in allen Staaten des postsowjetischen Raums zwischen 1994 und 2016 gesunken.

Eine Ausnahme ist Weißrussland. Dort stieg der Anteil der Muttersprachler von 50 auf 71 Prozent. Seit der Autokrat Alexander Lukaschenko in Minsk die Geschäfte übernahm, ist das Bekenntnis zur eigenen Sprache rückläufig, weil auch nicht ungefährlich: Wer Weißrussisch spricht, macht sich verdächtig und wird mit der Opposition gleichgesetzt.

In der Ukraine sank der Anteil von 34 auf 24 Prozent, in Estland von 33 auf 23 und in Turkmenistan von zehn auf fünf Prozent. Meist ist Abwanderung der Grund. Kirgisen und Kasachen zählten beim Ende der Sowjetunion zu jenen Völkern, die am stärksten russifiziert worden waren. Trotzdem geben heute nur noch fünf Prozent der kirgisischen Jugendlichen an, russische Muttersprachler zu sein. 26 Prozent nennen Russisch noch als Zweitsprache. Dabei hat in Kirgistan das Russische den Status einer Staatssprache. In Georgien zählten sich 1994 sechs Prozent zu russischen Muttersprachlern. Heute ist es nur noch ein Prozent.

"Alles nicht so schlimm", sagt Natalja Kosmarskaja vom Orientinstitut der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die Euromonitor-Studie sei nämlich nicht frei von politischer Färbung. Und als Verkehrssprache habe Russisch noch lange nicht ausgedient. Freilich erhält Russisch auch Auftrieb, nämlich ausgerechnet von islamistischen Gruppen am Rande des Imperiums. Provokativ fragt Kosmarskaja: "In welcher Sprache unterhalten sich Dagestaner, Usbeken aus dem Fergana-Tal und Tadschiken in islamistischen Chats miteinander? Doch nicht auf Englisch!"