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"Rundum fröhlich ist Dresden nicht"

Anhänger des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses protestieren vor der Frauenkirche in Dresden. Sie schreien "Volksverräter" und "Merkel muss weg". Auch Trillerpfeifen ertönen.
Anhänger des fremdenfeindlichen Pegida-Bündnisses protestieren vor der Frauenkirche in Dresden. Sie schreien "Volksverräter" und "Merkel muss weg". Auch Trillerpfeifen ertönen. FOTO: dpa
Dresden. Auf die große Bühne am 26. Tag der deutschen Einheit wollte keiner verzichten. Auch nicht die Provokateure von Pegida und AfD. Christine Keilholz

Der Regen blieb durchbrochen von Sonne. Aber der Regen war nicht der einzige graue Schleier über dem Einheitsfest in Sachsens Hauptstadt. Immer wieder brach Ärger auf in der Stadt. Gerade dort, wo sich die Politprominenz einfand, um 26 Jahre deutsche Einheit zu feiern.

Gepöbelt wurde am Morgen vor der Frauenkirche, wo der ökumenische Gottesdienst stattfand. Gepöbelt wurde kurz darauf vor der Semperoper, die Bühne bot für den offiziellen Festakt. Es gab Gepöbel vor dem Congress Center, als die Gäste zum Empfang von Bundespräsident Joachim Gauck ankamen. Überall dort schrien Menschen am Rande des Geschehens die altbekannten Protestvokabeln von "Volksverräter" bis "Hau ab!". Gemessen an den Hunderttausenden, die in der Stadt feierten, waren die Schreihälse nicht viele - 100, 150 vielleicht. Aber sie hinterließen die bleibenden Bilder an diesem Tag.

Am Neumarkt vor der Frauenkirche musste die Polizei Personen zurückdrängen, damit die Ehrengäste zu den Protokollveranstaltungen konnten. Dort stand die "Merkel-Weg"-Fraktion, der harte Kern von Pegida, Lutz Bachmann und seine ganz treuen Jünger, durchmischt mit AfD-Klientel. Trotz heftiger Kritik löste die Polizei die unangemeldete Versammlung nicht auf.

Tumulte vor dem Rathaus

Bachmann soll inzwischen die meiste Zeit auf der Urlaubsinsel Teneriffa verbringen. Doch auf den großen Auftritt am 3. Oktober wollte der Gründer der selbsternannten Abendlandretter nicht verzichten - wenn die Adressaten seiner zwei Jahre währenden Agitation schon mal in Dresden waren. Die AfD präsentierte sich indifferent: Anhänger der Partei taten draußen ihre Ablehnung für das System kund - während in der Semperoper AfD-Landtagsabgeordnete in feinen Anzügen artig und systemkonform beim Festakt saßen.

Die ausgebrüllte Politik nahm es, wo es ging, mit Gelassenheit. "Diejenigen, die ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen", sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der Semperoper, "haben offenbar nicht das geringste Erinnerungsverbögen daran, in welcher Verfassung sich die Stadt und das Land befunden haben, bevor die deutsche Einheit Wirklichkeit wurde." Schon bei der letzten Einheitsfeier in Dresden vor 16 Jahren war die Stimmung nicht ungetrübt, meinte Lammert. "Rundum fröhlich ist Dresden auch in diesem Jahr nicht, und Deutschland auch nicht."

Gelassen blieb Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), als ihn Anhänger von Pegida und AfD vor dem Rathaus als "Volksverräter" beschimpften. Hilbert hatte Vertreter der drei Dresdner Moscheen eingeladen. Als die Polizei einen der Protestler abführte, kam es zu Tumulten. Hilbert nannte das Geschehen hinterher "nicht spektakulär". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte als Reaktion für den rüden Empfang den Wunsch, "dass wir diese Probleme gemeinsam, in gegenseitigem Respekt, in der Akzeptanz sehr unterschiedlicher politischer Meinungen lösen".

Weniger gelassen der Gastgeber: Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) wollte in der Semperoper lieber über Anderes sprechen. Über Brücken, die sein Land bauen will. Über die Millionen Gäste, die jedes Jahr nach Sachsen kommen. Über Sachsens Export, der sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht habe, über die halbierte Arbeitslosigkeit, über das erfreuliche Geburtenplus.

Trotzdem musste er einräumen: "Die Einheit Deutschlands ist sehr weit vorangekommen, ganz vollendet ist sie noch nicht." Das betrifft auch das Verhältnis zu Fremden. Tillich hätte gern sein Land präsentiert als das, in dem sich Tausende Ehrenamtliche um die Integration von Flüchtlingen kümmern. Aber zu sehen war dann doch wieder das Land, in dem der Hass Weniger die anderen übertönt. Dass die einmal mehr unbehelligt brüllen durften, sorgte gestern für viel Kritik an der Polizei.

Die Polizei hält sich zurück

Dresdens Polizeiführung verfolgt bei diffizilen Großlagen gern das Prinzip: laufen lassen. Um Eskalationen zu vermeiden, greifen die Beamten auch bei groben Verstößen kaum ein. Polizeipräsident Horst Kretzschmar wollte keine Demo abblasen - aber auf alles eingestellt sein. Die Kehrseite war ein massives Sicherheitsaufgebot. Ohne Taschenkontrolle kam kaum jemand auf die Festmeile. Seit den Bombenanschlägen vom Montagabend stand die City im Fokus der Sicherheitsleute. Betonklötze versperrten viele Zufahrtsstraßen. Sogar Busse mussten durch eine Sperre aus Polizeiautos.

Seit Donnerstag waren drei vermeintliche Sprengsätze aufgetaucht - erst eine Attrappe am Pfeiler einer Elbbrücke, dann eine verdächtige Tasche in einem Mülleimer und schließlich ein herrenloses Fahrrad, aus dessen Rahmen verdächtige Drähte ragten. Jedes Mal rückten die Sprengstoffexperten an, jedes Mal war falscher Alarm. Real dagegen waren die drei brennenden Polizeiautos in der Nacht zum Sonntag. Der Motorraum eines BMW der sächsischen Bereitschaftspolizei brannte völlig aus. Der Sachschaden liegt bei mehreren zehntausend Euro, die Täter sind noch unbekannt. Die Ermittler gehen von einer politisch motivierten Tat aus.

Dennoch: In der Festung Dresden hatten Hunderttausende Gäste Spaß. Auf den Festbühnen sangen Heinz-Rudolf Kunze, die Prinzen, Lou Bega und Karat.

Kommentar zum Artikel: Respekt ist die Grundregel

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2600 Polizisten waren rund ums Bürgerfest im Einsatz. 1400 Betonpoller sorgten für mehr Sicherheit. 4000 Leute gestalteten das Festprogramm mit.Rund vier Wochen vor dem Wechsel gab Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) den Bundesratsvorsitz symbolisch an die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) weiter.