Von Beate Bias

Die Tennisspielerin Steffi Graf gewinnt im Juni 1999 die French Open gegen die Schweizerin Martina Hingis. Zur gleichen Zeit wird nach 79  Tagen der Krieg in Jugoslawien beendet. Großer Sport und große Politik, während sich in Frankfurt an der Oder völlig andere Szenen abspielen. In einem Neubauviertel am Rande der Stadt sitzen zwei kleine Jungen in ihrem Kinderzimmer. Die Namen Kevin und Tobias stehen bis heute für ein Verbrechen, das bundesweit für Aufsehen sorgte. Die Mutter Daniela J. lässt ihre zwei und drei Jahre alten Kinder im Juni 1999 zwei Wochen allein zu Haus. Sie hat einen neuen Freund und damit andere Interessen.

Es ist ein Auftritt, der in Erinnerung bleibt. Sieben Monate nach dem Fund der verdursteten Kinder spricht eine Gutachterin vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) über den Todeskampf von Kevin und Tobias. Sie können ihr Zimmer nicht verlassen, weil die Mutter die Türklinke abgebaut hat. In ihrer Not klettern sie auf das Fensterbrett und trommeln gegen die Scheibe. Fußgänger werden auf sie aufmerksam, aber niemand erkennt die bedrohliche Situation.

Das Verdursten beginnt mit starken Schmerzen im Rachen, beschreibt die Gutachterin den langen Prozess des Sterbens. Dem Wimmern und Schreien folgen Krämpfe und aggressive Attacken. Die Geschwister öffnen Schränke, ziehen alles heraus, was sie packen können. Kevin beißt seinem Bruder in Arme und Beine.

Bevor die Kinder bewusstlos werden, bauen sie sich noch eine Schlafstätte aus Müll und Gerümpel. Der kleine Tobias versteckt sich am Kopfende des Bettes. Dort wird er am 26. Juni 1999 tot neben seinem Bruder Kevin gefunden. Ihr Todeskampf, so sagt die Gutachterin, muss mindestens drei Tage gedauert haben.

Vor der Schwurgerichtskammer sitzt eine unscheinbare Frau auf der Anklagebank. Sie ist klein und gedrungen, hat blondes, welliges Haar. Wichtig ist der damals 23-jährigen Frau, über ihr eigenes Schicksal zu sprechen. Sie  belastet ihren Vater des sexuellen Missbrauchs. Beweise dafür gibt es nicht. Vielmehr häufen sich die Vorwürfe aus der eigenen Familie und vor allem von den Nachbarn.

Im Gegensatz zu anderen Fällen werden die Hausbewohner in dem Neubauviertel aktiv. Sie informieren das Jugendamt, weil Kevin und Tobias oft am späten Abend allein im Sandkasten vor dem Haus sitzen. Die Kinder werden als „völlig verdreckt“ beschrieben. Aus der Wohnung dringen üble Gerüche nach draußen.

Aus dem Jugendamt wird es später heißen, dass die Mitarbeiter ihr Möglichstes getan haben. Sie besuchen Daniela J. und ihre beiden Kinder. Die Wohnung machte nach den Berichten des Jugendamtes einen „ordentlichen Eindruck“. Hilfe vom Amt lehnt die junge Frau rigoros ab. Sie verweist auf ihre Mutter, die ihr zur Seite stehe.

Tatsächlich ist es immer wieder die Mutter von Daniela J., die einspringt, wenn ihre Tochter Rechnungen nicht bezahlt, wenn sie ausgehen möchte und die Kinder betreut werden müssen. Die älteste Tochter der Angeklagten lebt ohnehin bei den Großeltern. Ein viertes Kind wurde zur Adaption freigegeben.

Auch im Juni 1999 will sich die Oma um ihre Enkel kümmern. Doch sie kommt nicht in die Wohnung, weil von innen ein Schlüssel steckt. Ihre folgenschwere Schlussfolgerung ist, dass die Tochter zu Hause ist und wie so oft einen Bock hat. In Wirklichkeit liegen Kevin und Tobias in ihrem Kinderzimmer im Sterben.

Vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) wird Daniela J. im Mai 2000 wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstraße verurteilt. Dazu kommt eine besondere Schwere der Schuld. Eine Freilassung nach 15 Jahren wäre damit nicht möglich gewesen.

Später wird es eine Neuauflage des Prozesses in Neuruppin geben, weil der Bundesgerichtshof die Höhe des Strafmaßes erneut prüfen lassen will. Das Landgericht Neuruppin belässt es zwar bei der lebenslangen Haft, aber der Vorwurf einer besonderen Schuld wird gestrichen.

Ihre Haftstrafe sitzt Daniela J. erst in der alten Justizvollzugsanstalt Luckau, dann in einem neu gebauten Gefängnis in Duben (Dahme-Spreewald) ab. Dort wird einige Jahre später auch Sabine H. aus Frankfurt (Oder) inhaftiert, weil sie neun Säuglinge nach der Geburt in Blumenkübeln und anderen Gefäßen vergraben hat.

Heute ist Daniela J. eine freie Frau. Sie soll in einem Ort leben, der nicht Frankfurt (Oder) heißt. Der Neubaublock, in dem sie mit Kevin und Tobias wohnte, steht leer und wird demnächst abgerissen.

Und Kevin und Tobias? Die Jungs wären heute  22 und 23 Jahre alt. In diesem Jahr ist ihr 20. Todestag.

Mit der Geschichte von Kevin und Tobias endet unsere Reihe Spektakuläre Kriminalfälle.

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