Längst vorbei sind die Zeiten, in denen Opel und Rüsselsheim eins waren. Das Unternehmen hat sich vom heimatverpflichteten Familienbetrieb zum renditeorientierten Weltkonzern entwickelt. Rüsselsheim wurde von einem homogenen evangelischen Dorf zu einer zergliederten 60 000-Einwohner-Stadt mit sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Die Verbundenheit hat sich von beiden Seiten stark gelockert. Nicht einmal mehr jeder zehnte Arbeitnehmer aus Rüsselsheim ist heute bei Opel beschäftigt. Dennoch macht sich die Stadtverwaltung natürlich Gedanken um das Schicksal des Unternehmens, das aus den USA gesteuert wird. Seit dessen Existenz auf Messers Schneide steht, sammeln Stadt, Gewerbe und Gewerkschaften Unterschriften für Staatshilfen.

Oberbürgermeister Stefan Gieltowski (SPD) appelliert an die Politik in Bund und Land, „Opel nicht weiter zum Spielball von Spekulationen in der Öffentlichkeit zu machen“. In einer Rede vor dem Stadtparlament galt seine Sorge vor allem den Arbeitnehmern bei Opel: „Wir, Magistrat und Stadtverordnete, teilen die Betroffenheit der Menschen, die innerhalb von vier Jahren erneut von dem Zwang zu Umstrukturierungen betroffen sind.“ Eine Zukunft ohne Opel will er sich für die Stadt gar nicht vorstellen: „Keiner kann mich dazu verführen, zu spekulieren, was wäre, wenn es Opel nicht mehr gäbe.“

So eindeutig wie in den vergangenen Tagen waren die Bekenntnisse zum Autowerk nicht immer. Der Opel-Betriebsratsvorsitzende Klaus Franz, einst selbst im Stadtparlament, beklagte noch vor zwei Jahren in einem Zeitungsinterview: „Die Stadt idealisiert noch die Vergangenheit als Arbeiter- und Industriestadt, hatte aber im Grunde nie ein richtiges Verhältnis zu Opel“. Sie habe den Wandel von der reinen industriellen Produktion zum hoch qualifizierten Entwicklungszentrum nicht nachvollzogen. In guten Zeiten seien die Millionen von Opel nicht zukunftsorientiert investiert worden. „In schlechten Zeiten wird immer gleich der Untergang von Opel gesehen und die Zukunft der Stadt in der Abgrenzung zu dem Unternehmen“. Diese Einstellung hält Franz für eine Spezialität der Sozialdemokraten, „weil sie seit jeher die Annäherung zum Kapital beängstigt“.

Doch auch Opel hat sich lange Zeit nur unzureichend auf seine Heimatstadt eingelassen. Die vielen aus den USA geschickten Vorstände hatten ihre Dienstvillen weitab von der Stadt vorzugsweise im Taunus. Noch heute ist der Weg von Rüsselsheim ins vornehme Königstein bestens ausgeschildert. Selbst Opel-Manager, die aus Rüsselsheim stammen, siedeln sich gerne in Wiesbaden, Mainz, dem Rheingau oder Rheinhessen an.

Die Stadt der Arbeiter ist vielen nicht attraktiv genug. Dabei wird der Freizeitwert der Stadt häufig unterschätzt. „Kleinode wie der Stadtpark, die Festung und das Mainufer“ werden nach Ansicht des Gewerbeverbandes „Treffpunkt Innenstadt“ von der Stadt nicht ausreichend zur Verbesserung des Images genutzt. Es sind aber nicht nur die citynahen Grünzonen, die Rüsselsheim lebenswert machen. Es gibt vielfältige Schul- und Bildungsangebote, eine hochklassige Sportszene, ein reges Vereinsleben, eine anerkannte Fachhochschule, hochkarätige Kunstausstellungen, eine kreative Filmszene, ein Vorzeigemuseum, eine interessante Geschichte, eine weit gefächerte Gastronomie, immer noch gute Verdienstmöglichkeiten und außerdem nicht nur schlechte Wohnviertel.

Allerdings leidet die fluglärmgeplagte Innenstadt wie die Zentren anderer mittelgroßer Städte unter einer Abwanderung von Fachgeschäften und dem Vormarsch von Billig-Läden, Handy-, Friseurshops und Internetcafés. „Hier hat ein zentrales Marketing gefehlt. In der Stadtpolitik wird zu wenig an einem Strang gezogen“, bemängelt Thomas Bach, Sprecher des „Treffpunktes Innenstadt“.

Für größere Kaufhaus- oder Bekleidungsketten, die mit ihrem Namen und ihrer überregionalen Werbung Kundschaft anziehen, bleibt der Rüsselsheimer Innenstadt nicht genug Kaufkraft. Das ehemalige Karstadthaus steht schon seit Jahren leer. Hier erweist sich die eigentlich vorteilhafte zentrale Lage mitten im Ballungsraum Rhein-Main zugleich als Fluch. Die Rüsselsheimer nutzen die Nähe zu den attraktiven Einkaufsstädten Mainz, Wiesbaden, Frankfurt am Main und Darmstadt und kehren ihrem Heimatort zum Geldausgeben gerne den Rücken. Da hätte es nach Bachs Ansicht geholfen, wenn belebende Institutionen wie die Fachhochschule oder das Theater ins Stadtzentrum gekommen wären und nicht in die Außenbezirke.

Tatsächlich wurde vor allem in der Boom-Zeit der 60er-Jahre, als die Opel-Gewerbesteuern noch reichlich sprudelten und die Stadt von einem Wachstum auf über 100 000 Einwohner träumte, in teure Projekte außerhalb der Innenstadt investiert. Schwimmbäder, Sporthallen und Theater zogen hohe Folgekosten nach sich. Zu begleichen waren sie nur mit einer immensen Verschuldung. Für 2008 beziffert der Steuerzahlerbund die Gesamtschulden einschließlich der städtischen Eigenbetriebe auf rund 400 Millionen Euro oder rund 6780 Euro pro Kopf – hessischer Rekordwert in dieser kommunalen Größenklasse.

Finanznöte, Zersiedlung und Konsumentenschwund sind aber nicht die einzigen Probleme der „Opel-Stadt“. Mit der Zuwanderung von in- und ausländischen Industriearbeitern haben sich verschiedene Bevölkerungsgruppen gebildet, die im besten Falle nebeneinanderher leben, aber kein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. „Die Bereitschaft der Einheimischen anzuerkennen, dass in dieser Stadt inzwischen über 50 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund leben, ist noch sehr gering“, hat die Pfarrerin der evangelischen Innenstadtgemeinde, Annette Mehlhorn, feststellen müssen. Die daraus entstehenden Spannungen treten besonders deutlich zutage, wenn Ausländer an Gewaltverbrechen wie dem Dreifach-Mord in einer Eisdiele vor wenigen Monaten beteiligt sind.

Bei allen Schwierigkeiten schaut die Stadt immer noch mit erstaunlich viel Zuversicht in die Zukunft. Denn sie ist nicht mehr nur von Opel abhängig. Ein Drittel der 32 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten pendelt täglich zu Arbeitsplätzen in andere Städte. Innerhalb von Rüsselsheim haben sich Firmen aus alternativen Branchen niedergelassen. Seit anderthalb Jahren kommt auch die Ansiedlung von Betrieben im neu erschlossenen Gewerbegebiet „Blauer See“ besser voran. Von den rund 15 500 Opel-Mitarbeitern wohnen nach einer Zählung des Unternehmens nur noch knapp 2200 direkt in Rüsselsheim.

Angesichts solcher Zahlen sähe der Chef der Rüsselsheimer Arbeitsagentur, Heinrich Blumenstein, selbst bei einer Opel-Insolvenz die Lichter der Stadt noch nicht ausgehen: „Ich unterstelle, dass auch in einer Insolvenz weiterproduziert wird.“ Dazu macht ihm die Erfahrung von 2004/05 Hoffnung, als sich Opel in Rüsselsheim von rund 4000 Mitarbeitern getrennt hatte. Damals stieg die Rüsselsheimer Arbeitslosenquote kurzfristig auf fast 14 Prozent an, hat sich mittlerweile aber wieder auf etwa acht Prozent verringert.