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Rückkehrer
Von Berlin zurück in die Lausitzer Heimat

Nele kennt die Masken gut, die sich Mama Camilla und Papa Matthias bei ihrem ersten gemeinsamen Weihnachten 2012 in Berlin geschenkt haben. Mit der Geburt der heute Vierjährigen ist der Wunsch immer größer geworden, in Camillas Lausitzer Heimat zurückzukehren.
Nele kennt die Masken gut, die sich Mama Camilla und Papa Matthias bei ihrem ersten gemeinsamen Weihnachten 2012 in Berlin geschenkt haben. Mit der Geburt der heute Vierjährigen ist der Wunsch immer größer geworden, in Camillas Lausitzer Heimat zurückzukehren. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Lübben. Die ungewöhnliche Rückkehr von Camilla Grei, die mit Ehemann Matthias und Tochter Nele in Lieberose ein Zuhause gefunden hat. Von Christian Taubert

Was sich Camilla und Matthias Grei zugetraut haben – das liegt nicht jedem. Sie wollten nach sieben Jahren raus aus Berlin. Nicht ins finanziell kaum erschwingliche Umland. Sondern ganz nach Brandenburg. Zurück in die Lausitz.

„Mit Neles Geburt war für uns klar, dass wir zurück in Camillas Heimat wollen“, gibt Vater Matthias preis, was nach der Geburt der Tocher zwischen den Eheleuten abgemacht war. Also haben sie mit einem Zirkel auf der Landkarte einen Kreis geschlagen. „Wir wollten ein Haus kaufen, das nicht weiter als 30 bis 40 Kilometer von Cottbus entfernt ist“, erzählt Matthias Grei. Einen Job in der Region hatten beide damals noch nicht in Aussicht.

Immerhin aber hatte sich das Paar Ende Dezember 2015 bei der Rückkehrerbörse in Cottbus umgesehen, welche Jobangebote es gibt. Das sei aber eher ein Schnuppertermin gewesen. „Es hatte nichts so recht zu uns gepasst“, erinnert sich der 41-Jährige. Aber die Greis nahmen Kontakt zu Steffen Sickert auf, der sich seit 2007 als erster im Land Brandenburg mit Personalvermittlung und Jobcoaching befasst. „Damals konnte auch ich nicht helfen. Aber ich habe die Familie Grei nicht aus den Augen verloren“, sagt der Cottbuser.

Die berufliche Ungewissheit bei einer möglichen Rückkehr in die Lausitz hat die Eheleute aber nie davon abgebracht, den Traum vom Eigenheim im Grünen weiter zu verfolgen. Sie sahen sich Angebot für Angebot an, bis es plötzlich vor ihnen stand. Das zum Teil sanierte Haus, Baujahr 1923, war zwar nicht in der Art des erhofften DDR-Bungalow-Typs Bitterfeld. „Aber wir hatten in Lieberose gefunden, was unseren Vorstellungen entsprach.“ Bei Camilla Grei leuchten noch heute die Augen: die Ruhe, die saubere Luft, eine riesige Wiese, auf die noch Obstbäume sollen, ein eigenes Zimmer für Nele. In den zurückliegenden drei Monaten haben sie gerackert, um das neue Heim zwischen Schwielochsee und Lieberoser Heide schnell wohnlich zu machen.

Camilla Grei ist zurück in der Lausitz. In Lauchhammer geboren, in Senftenberg aufgewachsen, an der Hochschule Zittau/Görlitz Tourismusmanagement studiert – die Jobsuche hat sie zum Weggehen gezwungen. In Münster ist sie in der Reisebranche eingestiegen, bis dort Personal reduziert wurde. Sie war an einer Privatschule und bei den Wirtschaftsberatern von McKinsey beschäftigt. „Viele gute Erfahrungen“, sagt die 39-Jährige über diese Zeit, an die sich fünf Jahre bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände angeschlossen hatten. „Eine tolle Truppe, aber kein Traumjob. Ich möchte endlich im Tourismus ankommen.“

Auch Matthias Grei, der aus dem vorpommerschen Anklam stammt, drehte erst einige Runden, ehe der Elektromonteur in Berlin landete. Im Geburtsort des Flugpioniers Otto Lilienthal ging er in die gleichnamige Oberschule. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass Matthias Grei die Chance nutzte, als Ausrüstungselektriker in der Luftfahrt in Frankreich zu arbeiten. Zurück in Deutschland ging er in Wildau in eine Qualifizierung in Sachen Luftfahrzeugtechnik.

Danach war die Liebe stärker als alles andere. Über Friendscout24 nahmen die „Berliner“ Camilla und Matthias Kontakt auf. „Schon zwei oder drei Tage später trafen wir uns. Ein schöner Abend. Worüber wir uns auch immer unterhielten, wir waren stets auf einer Wellenlänge“, erzählt der Norddeutsche sogleich vom ersten Weihnachtsfest als Liebespaar. „Was schenken?“, hatten sie sich beide gefragt, um ja kein Porzellan zu zerschlagen. Als die beiden Geschenke ausgepackt waren, wollten sie es fast nicht glauben. Beide hatten sie eine Gesichtsmaske des Partners anfertigen lassen. Dieses Zeichen hatten sie verstanden und begonnen, Zukunftspläne zu schmieden.

Parallel zum Kauf des Hauses im 1500 Einwohner zählenden Lieberose bewarben sie sich auf Jobs in der Region und erinnerten sich an Personalvermittler Steffen Sickert. Der hatte sein Netzwerk inzwischen erweitert.

„Zwei Jahre war Funkstille, dann hat das Angebot in der Region gepasst“, schildert Sickert, dass die ISS VSG GmbH in Lübbenau Mitarbeiter in der Branche von Matthias Grei nachgefragt hat. Auf zwei weitere Bewerbungen hatte der Neu-Lieberoser ebenfalls positive Bescheide erhalten.

„Das ist vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen“, kann sich der auf Probe bei VSG eingestellte Matthias Grei noch gut erinnern. Übrigens hätte der kommunikativ starke Elektromeister beinahe seinen Traumjob als Ausbilder bei der Handwerkskammer ergattert. Doch nach anfänglicher Euphorie hat sich die Kammer plötzlich anders entschieden. Das hat Grei abgehakt. In dem Lübbenauer Job fühle er sich wohl. Und den Anfahrtsweg von einer Dreiviertelstunde habe er in Berlin auch in Kauf nehmen müssen.

Für die junge Familie Grei zählen inzwischen viele andere Dinge. Mit der vierjährigen Nele geht Camilla Grei zu Fuß zur Kita. Wenn die Tochter zur Schule kommt, kann sie die Grundschule bis zur sechsten Klasse unmittelbar in der Stadt besuchen. „Wir  hatten nie ein schlechtes Gefühl, diesen Schritt gewagt zu haben“, sagt Matthias Grei. Als sie mit Nele gerade auf den Lieberoser Weihnachtsmarkt gegangen sind, kamen sie mit den Eltern von Kita-Kindern ins Gespräch. „Diese Herzlichkeit hat es in Berlin so nicht gegeben. In Lieberose passt einer auf den anderen auf“, sind die Greis von ihrem Umzug in die ländliche Region überzeugt.

Was Camilla Grei zurzeit noch fehlt: Sie sucht einen Job im Tourismus. Bisher habe das noch nicht geklappt. Eine Bewerbung laufe zurzeit bei der märkischen Tourismus-Zentrale in Beeskow. Und was würde das Ehepaar Grei rückkehrwilligen Lausitzern raten? „Sie sollten ruhig etwas mutiger  und risikobereiter sein. Denn offene Jobs gibt es immer mehr“, sagt Matthias Grei. Ob das Gesamtpaket stimmt, lasse sich bei Rückkehrerbörsen sicher ausloten.