Bei dem Treffen in Berlin würdigten Andrej Bahro und Florian Havemann Gysis Engagement für ihre Väter als Rechtsanwalt in den 70er-Jahren. Er habe die Ziele seiner beiden damaligen, inzwischen gestorbenen Mandanten durchgesetzt. Im Falle eines Verfahrens gegen Gysi boten sie sich als Zeugen dafür an. Gysi forderte seine Kritiker auf, den Vorwurf des Verrats zu belegen.
Die Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, sagt, Gysi habe im Fall Havemann „willentlich und wissentlich“ dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR zugearbeitet. Beide Söhne forderten einen kritischen Umgang mit den Akten: Die Stasi-Akten allein dienten nicht der Wahrheitsfindung. Die Birthler-Behörde hatte im Mai Akten-Vermerke von 1979 herausgegeben. Diese führten zu neuerlichen heftigen Angriffen gegen Gysi.
In den Vermerken geht es um Gespräche des Anwalts Gysi mit Robert Havemann. Durch eines der Schriftstücke wird suggeriert, dass Gysi Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit gewesen sei. Gysi bestreitet das. Nach seinen Angaben hat ein damaliger Stasi-Mitarbeiter inzwischen eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, wonach die IM-Zuordnung nicht ihm gegolten habe.
Der Immunitätsausschuss des Bundestags erteilte Birthler Ende Juni den Auftrag, systematisch nach weiteren Aktenvermerken über Gysi zu suchen, die seit 1998 aufgetaucht sind. Vor zehn Jahren hatte das Gremium nach einem Überprüfungsverfahren bereits mehrheitlich den Beschluss gefasst, eine IM-Tätigkeit Gysis für erwiesen zu erklären. Nun prüft der Ausschuss, ob ein weiteres Verfahren eingeleitet werden soll.
Robert Havemann galt als Staatsfeind Nummer eins der DDR. Nach kritischen Äußerungen in einer West-Zeitung über die DDR wurde der Chemie-Professor 1964 aus der SED ausgeschlossen und 1965 mit einem Berufsverbot belegt. 1976 wurde er wegen weiterer im Westen veröffentlichter SED-kritischer Schriften unter Hausarrest gestellt. Gysi übernahm das Mandat 1979. Havemanns Isolation wurde gelockert, es gab keine Strafverfahren mehr gegen ihn. 1982 starb Havemann. Florian Havemann war bereits 1971 aus der DDR geflohen und nach West-Berlin gezogen.
Rudolf Bahro (1935-1997) war 1978 nach der West-Veröffentlichung seines Buches „Die Alternative. Zur Kritik des realexistierenden Sozialismus“ wegen „Nachrichten übermittlung“ und „Geheimnisverrats“ zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden. Gysi hatte das Mandat 1977 übernommen. Im Okto ber 1979 wurde Bahro zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR amnestiert und konnte mit seiner Familie in die Bundesrepublik ausreisen. Andrej Bahro lebt seitdem in Bremen. (dpa/das)