Mit einer durchaus als "programma tisch" gemeinten Rede in einem Burgunder Dorf hat Ségolène Royal jetzt die Schlagzahl erneut erhöht: Im November will die 52-jährige Regionalpolitikerin von ihrer Partei zur Kandidatin im Kampf um das Amt von Staatspräsident Jacques Chirac gekürt werden. Ihre Chancen stehen besser denn je. Nach einer Umfrage wäre sie als einzige Linke in der Lage, den voraussichtlichen Gegner auf der Rechten - Innenminister Nicolas Sarkozy - zu schlagen.

Lebensgefährtin von Hollande
"Jetzt hebt sie ab", gibt auch das Boulevardblatt "Le Parisien" Royal noch Rückenwind. Denn sie rennt allen innerparteilichen Rivalen inzwischen fast unerreichbar davon. Mehrheitlich wollen die Franzosen die dynamische Lebensgefährtin des Sozialistenchefs François Hollande für die Linke bei der Präsidentenwahl im April 2007 im Rennen sehen. Fünf "Elefanten", alles etablierte Männer des Partei-Establishments, kommen da nur unter ferner liefen an: Dominique Strauss-Kahn, Lionel Jospin, Jack Lang, Laurent Fabius und Royal-Partner Hollande. Umwelt, Soziales, Kaufkraft, Arbeitsmarkt und Einwanderung - bei all diesen für sie wichtigen Anliegen trauen die Franzosen Royal am meisten zu.
In die Fußstapfen des letzten sozialistischen Staatschefs François Mitterrand will sie treten, machte Royal auf dem "Fest der Rose" in dem Dorf Frangy-en-Bresse klar. Und zählte auf, was für sie wünschenswert ist: "Wenn ich in der Lage bin, (Präsidentin zu sein), wird Frankreich eine Stimme haben, die in der Welt zählt; wird der soziale Pakt gesichert sein". So und ähnlich spulte sie ihre Punkte vor Tausenden von Sympathisanten und internationalen Fernsehkameras ab.
Moment mal, sagen aber immer noch etliche, die der Charme der Ségolène Royal nicht ganz eingefangen hat: "Sie bleibt leider ihrem Rezept treu, das ihr eingestandenermaßen politisch Glück bringt: viel reden, mit den Formeln hantieren, dabei aber nichts sagen", sieht der konservative "Le Figaro" nichts "Programmatisches" in ihren Reden.
Eine kleine Buchlawine mit nicht weniger als acht Titeln soll den noch verkannten oder unbekannten Star Royal in den kommenden Monaten allen Interessierten vorstellen. Darunter ist auch ihr eigenes, das jedoch erst im November kommt. Am schärfsten gehen derzeit wohl die Journalisten-Autoren Leslie Varenne und Philippe Blanchard gegen das "Phänomen Royal" an: Sie sei fast nur in der Politik gewesen, trage eine Maske, habe wirtschaftlich wie international "weder eine Vision noch eine Überzeugung". Sollte die Maske fallen, sei die 52-Jährige in Gefahr, meinen die Autoren von "Ségolène - Königin für einen Tag, Königin für immer?" Im Übrigen stehe sie in nichts Nicolas Sarkozy nach. Denn beide pflegten vor allem den Medienrummel und ihr Image.

Seit 25 Jahren in der Politik
In nur einem Jahr hat sich Ségolène Royal mit eben diesem Image einer offenen, dynamischen Frau in der französischen Politlandschaft verankert und in der von Machtkämpfen zerrütteten Oppositionspartei. Dass auch sie eigentlich ein "Elefant" ist, bereits seit 25 Jahren in der Politik, das weiß die geschickte Mitterrand-Schülerin bestens zu kaschieren. Sie ist Realistin wie Sarkozy - nun muss die Linke noch realistisch genug sein und den neuen Star Royal in den Ring schicken. Denn es ist ihre Chance, im Frühjahr das Ruder wieder zu übernehmen.