Ort und Zeit des außerordentlichen Landesparteitags waren strategisch gewählt. Eine Woche vor der Oberbürgermeisterwahl, die für Sachsens SPD außerordentlich wichtig ist, raufte sich die Partei im Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung noch mal zusammen. OB-Kandidat Burkhard Jung freute sich über den Rückenwind, den die knapp 130 Delegierten für ihn wehen ließen - bevor sich der Kandidat frühzeitig verabschiedete, um in der Fußgängerzone "in langen Unterhosen" den Wahlkampf-Endspurt hinzulegen.

Leipzig ist das saftige Filet im ansonsten mageren Menü der sächsischen Sozialdemokratie. Mit der Messestadt hat die Partei "eine der wenigen Städte, die attraktiv sind und Leute anziehen" an der Hand, betonte Kandidat Jung. Und das ungebrochen seit 1990.

Landesverbandschef Martin Dulig registriert in der Stadt eine "starke Stimmung für die SPD", getragen von einem Lebensgefühl, "das die Probleme nicht kleinredet, sondern sich entschlossen den Herausforderungen stellt". Die Größenverhältnisse zwischen CDU und SPD laufen hier andersrum als in Land und Bund.

Im Bundestrend hat die Partei mit ihrem Spitzenkandidaten Peer Steinbrück seit Weihnachten vier Prozent verloren, auf nun 23.

In Leipzig indes deuten die letzten Umfragen auf 55 Prozent. Da könnte man eigentlich getrost den Sack zubinden - aber es kann immer noch anders kommen.

Gute Umfragen, weiß Dulig, können auch leicht zum Fluch werden und am Ende entscheidende Prozente kosten. Weshalb Dulig seinen Genossen noch mal Druck machte: "Wir müssen gemeinsam mobilisieren in dieser Woche." Da zeigte sich dann auch der ganze Saal entschlossen.

Sorgenfalten machten sich aber breit, als die Bundestagswahl zur Sprache kam. Da wusste auch der 38-jährige Chef nicht recht Optimismus zu verbreiten: "Wir merken, dass die Stimmung nicht gut ist." Versuchte es dann noch mit christlichen Traditionsfloskeln: "Die, die erst ,Hosianna Steinbrück!' gerufen haben, die rufen jetzt: Kreuziget ihn!" Gemeint waren damit zuvörderst "die Springer-Medien". Parteiintern sei es indes eine "bemerkenswerte solidarische Leistung, dass sich doch alle hinter Peer Steinbrück gestellt" hätten. Da allerdings sprachen die Gesichter der anwesenden Genossen eine andere Sprache.

Neben den Wahlen ging es beim Parteitag irgendwie auch um Energie. Mit dem süffisant betitelten Leitantrag "Neue Energie für Sachsen" beschlossen die Genossen ein Kompromissprogramm, das etwa zu gleichen Teilen alles abbildet, was in der Partei über Kohle, Wind und Solar gedacht wird. Mit der Forderung nach 100 Prozent Ökostrom bis zum Jahr 2050, allerdings inklusive Ausbau der Braunkohleverstromung bis dahin, will sich die SPD in die Mitte setzen. Während sich Teile der Partei eine grünere Lösung gewünscht haben, ist der Lausitzer Ex-Wirtschaftsminister Thomas Jurk zufrieden: "Kohle hat bei uns eine lange Tradition, wir brauchen sie für die Gestaltung der Energiewende."