Am Rucksack und den bunten Tüchern sollt ihr sie erkennen: Kirchentagsbesucher. Mit müden Augen kämpfen sie auf den Bahnhöfen mit den Stadtplänen auf der Suche nach ihren Nachtquartieren. Knapp 40 Sonderzüge mit rund 30 000 Gästen erreichen über den Tag die Hauptstadt. Dazu kommen 1600 Busse mit 60 000 Insassen und Zehntausende, die privat anreisen. Die Millionen-Metropole Berlin nimmt den Ansturm gelassen. Die meist jungen Rucksack-Träger sind nur weitere bunte Punkte im Stadtbild.
Fast zwölf Stunden war Klaus Kaisers von Konstanz aus unterwegs. Der 31-jährige Betriebswirt und Berlin-Kenner hat 20 Freunde von der Hochschulgemeinde im Schlepptau. Die Gruppe, die aus Katholiken und Protestanten besteht, ist wie geschaffen für den ersten Ökumenischen Kirchentag. "Wir interessieren uns sehr für die Themen Ökumene, Abendmahl und Amtsverständnis", sagt Kaisers. Bei der Veranstaltung können die Kirchen seiner Meinung nach gemeinsam ihre "faszinierende Vielfalt" demonstrieren.
Mit dem Quartier hat die Gruppe ebenfalls Glück gehabt. "Wir sind in einer Schule in der Stadtmitte untergebracht", freut sich Kaisers. "Von hier lässt sich die Stadt erkunden." Die 17-jährigen Pfadfinderinnen Charlotte und Vera aus Wuppertal haben es dagegen weniger gut getroffen. Ihre Gruppe "Klippspringer" hat ihr Domizil in Spandau. Für Berlin-Touren haben sie kaum Zeit, denn sie sind für den Ordnungsdienst eingeteilt.
Die ebenfalls 17 Jahre alte Jenny aus Ravensburg ist mit ihrer Patentante unterwegs, die ihr die Programmauswahl überlässt. "Ich möchte auf das Power-of-Love-Konzert und viel von Berlin sehen", sagt sie freudestrahlend. Dann fahren beide mit ihren Klapp-Rollern weiter. Jochen Rotgeri aus Riedburg in Westfalen will sich einfach treiben lassen. Er ist mit seiner Frau und einem befreundeten Paar privat angereist. Die Kleingruppe ist gemischt-konfessionell und damit ökumenisch beschlagen. "Das Christentum steht im Zentrum, der Weg dorthin ist egal", erklärt der 50-Jährige sein Credo.
Der jungen Franziskaner-Schwester Esther aus Stuttgart sind einige Strapazen der Nachtfahrt anzumerken. "Bei uns waren einige besoffene Fußballfans im Zug, die bis zum Morgen gegrölt haben", erzählt sie genervt. In die Veranstaltung legt sie die Hoffnung, "dass nicht die Unterschiede zwischen den Konfessionen herausgestrichen werden, sondern der ökumenische Funke überspringt."
Die große Dimension des Kirchentags bereitet der Studentin Monika Neumann (25) Sorgen. Sie ist mit ihren Freundinnen mit dem Bus aus Lübeck angereist und interessiert sich vor allem für Frauenthemen. "Ich bin gespannt, ob wir bei den Vorträgen überhaupt noch einen Platz bekommen."
Der Polizei bereitet der Besucheransturm dagegen kein Kopfzerbrechen. In Spitzenzeiten sind bis zu 550 Beamte im Einsatz - nur rund ein Fünftel der Love-Parade-Stärke: "Die Organisatoren haben das super im Griff", erklärt Sprecher Thomas Piotrowski die Zurückhaltung. Durch die vielen Veranstaltungsorte werde der Besucherstrom entzerrt und bei der Klientel sei nicht mit vielen Straftaten zu rechnen.

Kirchentag aktuell Fast 200 000 Dauerteilnehmer
  Zum ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin haben sich 191 814 Dauerteilnehmer angemeldet. Davon kommen 5400 nicht aus Deutschland, sondern aus 90 anderen Ländern. 59 Prozent der Teilnehmer sind weiblich, 41 Prozent männlich. Nach Angaben der Veranstalter sind fast zwei Drittel der Besucher evangelisch (63 Prozent), gut ein Drittel katholisch (36 Prozent).
Der unterirdische S-Bahnhof Unter den Linden nahe dem Brandenburger Tor wurde als provisorische Rettungsstation für den Ökumenischen Kirchentag eingerichtet.
Der ranghöchste Kardinal Joseph Ratzinger hält sich während des ersten Ökumenischen Kirchentages in Deutschland auf, meidet aber das Treffen der Katholiken und Protestanten in Berlin.