Zum achten Mal rollte eine amtierende Bundesregierung für Otto Normalbürger den roten Teppich aus. Wo sonst hohe Staatsgäste lustwandeln oder hart verhandeln, drängen sich an diesem Wochenende Zehntausende Menschen hinter den Kulissen der Macht. Im Familienministerium steht Ursula von der Leyen den Kindern Rede und Antwort zu ihrem Arbeitsalltag und zu schicksalhaften Fragen, warum beispielsweise das Spielzeug so teuer sei. Im Außenamt nehmen viele Bürger das Büro des Hausherren Frank- Walter Steinmeier in Augenschein. Auch das Krisenreaktionszentrum im Keller des Hauses am Berliner Schlossplatz kann besichtigt werden. "Ist schon beeindruckend, die Leute aus der Nähe zu sehen", sagt eine Frau, die mit ihrem kleinen Sohn aus Brandenburg angereist ist.

Lange Warteschlangen
Sage niemand, die Menschen interessierten sich nicht für Politik. Weder Regenschauer noch lange Warteschlangen vor den meisten Bundesministerien können die Besucher schrecken. Besonders viel Geduld ist am Eingang des Kanzleramts gefragt. Wegen der Sicherheitsschleusen geht es nur mühsam voran. Wer es geschafft hat, der findet sich zunächst einmal vor einigen Vitrinen mit offiziellen Staatsgeschenken wieder. Gezeigt wird ein kunstvoll verziertes Schachbrett aus Südafrika. Darunter ist ein stattlicher Dolch zu sehen, den einst Kanzler Helmut Kohl bei einer Visite in Marokko erhielt. Daneben findet sich ein Briefbeschwerer, mit dem US-Präsident John F. Kennedy vor 43 Jahren Kohls Vorbild, Konrad Adenauer, beglückte. Im Kanzlergarten steht ein Hubschrauber der Bundespolizei, den Angela Merkel regelmäßig für ihre Dienstreisen nutzt. "Einmal da drin sitzen", ruft ein Steppke und lässt sich von seinem Vater ins Cockpit hieven. "Das ist aber ziemlich ungemütlich", entfährt es derweil einem anderen Besucher beim Blick in den Passagierraum.

Merkel erahnt die Fragen
Plötzlich richten sich alle Augen nach rechts, denn die Hausherrin ist soeben eingetroffen. Eigentlich sollte Angela Merkel um diese Zeit schon auf der Hauptbühne im hinteren Teil des Kanzlergartens sein. Aber die Regierungschefin genießt erst einmal das Bad in der Menge. Die Leute winken Merkel freundlich zu, ein Dampfer auf der Spree hupt extra wegen ihr, Fotoapparate klicken und die Autogrammwünsche wollen kaum ein Ende nehmen. "Das ist ja unglaublich", murmelt ein Besucher, der offenbar nicht gerade ein Merkel-Fan ist. Als die Ostdeutsche schließlich die Bühne betritt, fehlen dem Moderator für einen Moment die Worte. "Bin ich jetzt auf mich allein gestellt„", scherzt Merkel. Und es klingt, als hätte sie damit auch in der wahren Politik Erfahrung. Eingedenk einer Koalition mit etwa gleich starken Partnern, könne sie "nicht einfach sagen, so wird's gemacht" , erläutert sie ihren Job. Fragen aus dem Publikum sind nicht vorgesehen. Doch Merkel ahnt, um welche es sich handeln könnte: "Einkaufen geh ich auch." Aber nur in vertraute Läden, wo sie wisse, was an welcher Stelle liegt. Ansonsten würden ihr die Leute gleich beim Suchen helfen. Dabei wolle sie doch auch einmal ihre "Ruhe" haben.
Und wie gefällt Merkel ihr Arbeitsplatz“ Da kommt die Kanzlerin regelrecht ins Schwärmen: Alle Staatsgäste seien "total beeindruckt" von der "weitläufigen Regierungszentrale". Das empfinden die meisten Zuhörer ganz genauso. Schließlich kündigt Merkel an, noch ein wenig durch den Kanzlergarten zu spazieren. Ansonsten käme das "ganz selten" vor. Spätestens an dieser Stelle hat der Moderator wieder zu seiner Form zurückgefunden: "Das beruhigt uns dann doch, Frau Kanzlerin."