"Gott segne den Libanon", ruft eine alte Frau, als die ersten Soldaten die Hafenstadt Tyrus erreichen. Anwohner werfen Rosenblüten und Reiskörner auf den Truppenkonvoi. Doch die Euphorie über die Ankunft der libanesischen Truppen ist etwas verfrüht. Denn kaum sind die letzten Toten geborgen, behindern schon die ersten internen libanesischen Konflikte die Umsetzung der internationalen und nationalen Vereinbarungen über die Kontrolle im Südlibanon.
Die pro-iranische Hisbollah hat die Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora aufgefordert, den Soldaten einzuschärfen, dass sie im Süden ja nicht zu gründlich nach versteckten Waffendepots und Bunkern ihrer Miliz suchen sollen. Siniora will von derartigen Vereinbarungen "unter dem Tisch", wie man auf Arabisch sagt, jedoch nichts wissen. "Es wird keine bewaffneten Kräfte außer der Armee geben", stellt er klar.
Die Hisbollah und ihr Verbündeter, Syriens Staatschef Baschar al-Assad, halten dagegen, nun sei nicht der richtige Zeitpunkt, "um gegen den heldenhaften Widerstand, der Israel besiegt hat, zu polemisieren und dessen Entwaffnung zu fordern". Nur die Hisbollah könne Libanon gegen weitere israelische Angriffe schützen, die libanesische Armee sei zu schwach dafür.

Hisbollah spaltet das Land
"Sind in unserem Land denn auch nach dem israelischen Angriff und dem Tod so vieler Zivilisten noch immer nicht alle davon überzeugt, dass die Feinde alleine Israel und die USA sind„", fragt ein Moderator des Hisbollah-Fernsehsenders Al-Manar. "Haben sie den Krieg denn nur auf dem Fernsehbildschirm verfolgt“" Mit anderen Worten: Wir sind diejenigen, die den Blutzoll gezahlt haben und deshalb lassen wir uns von der Regierung, die zugesehen hat, jetzt nicht kaltstellen.
Die Argumentation der anti-syrischen Kräfte, zu denen auch Siniora gehört, lautet dagegen: Die Hisbollah hat das ganze Land in einen zerstörerischen Krieg hineingezogen. Wir haben die Zähne zusammengebissen und uns nicht gegen sie gestellt, aber jetzt wollen wir sicher- gehen, dass dies nicht noch einmal geschieht.
Für die libanesische Armee ist es das erste Mal seit 1968, dass sie südlich des Litani-Flusses für Sicherheit sorgen soll. Erst hatte die PLO den Südlibanon zu ihrem Ausgangspunkt für den Kampf gegen Israel gemacht. Dann folgten der Bürgerkrieg, israelische Invasionen und Besatzung. Nach dem Abzug der Israelis im Jahr 2000 kontrollierten Hisbollah-Kämpfer das Gebiet.

Libanesen erwarten Schutz
Israel und die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates haben bei der Formulierung der UN-Resolution 1701 für eine Waffenruhe in Nahost die Betonung auf die Entwaffnung der Hisbollah gelegt, mit dem Ziel, Israel ein Gefühl von Sicherheit an der Nordgrenze zu geben. Doch die Libanesen erwarten von ihrer Armee auch, dass sie das Land vor einem möglichen neuen israelischen Angriffen schützt. Dazu wäre die libanesische Armee mit ihren veralteten Panzern und ihrer minimalen Luftabwehr-Kapazität jedoch bislang noch gar nicht in der Lage. Auch die Sicherung der Küste bereitet ihr Schwierigkeiten. Der jährliche Verteidigungsetat des Libanons beträgt bisher gerade einmal eine halbe Milliarde US-Dollar.
Wenn - wie sich abzuzeichnen scheint - der Konsens zwischen der Hisbollah und der Regierung nicht von Dauer ist, wird die Situation auch für die ausländischen Truppen prekär, die zur Verstärkung der UN-Truppe Unifil im Süden stationiert werden sollen. Denn dann würden sie zumindest von den schiitischen Unterstützern der Hisbollah als Besatzer angesehen werden - mit unabsehbaren Folgen.